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25. Geschichtlichkeit und Sein

Das härteste Hindernis aber findet das anfängliche Denken an der unausgesprochenen Selbstauffassung, die der Mensch heute von sich hat. Von den einzelnen Auslegungen und Zielsetzungen ganz abgesehen, nimmt sich der Mensch als ein vorhandenes »Exemplar« der Gattung »Menschwesen«. Das überträgt sich auch auf das geschichtliche Sein als ein Vorkommen innerhalb einer gewordenen Zusammengehörigkeit. Wo diese Auslegung des Menschseins (und damit auch eines Volk-seins) herrscht, fehlt jede Ansatzstelle und jeder Anspruch auf eine Ankunft des Gottes, nicht einmal der Anspruch auf die Erfahrung der Flucht der Götter. Gerade diese Erfahrung setzt voraus, daß sich das geschichtliche Menschenwesen entrückt weiß in die offene Mitte des Seienden, das von der Wahrheit seines Seins verlassen ist.

Jene Verirrung der Ansprüche entspringt aus der Verkennung des Wesens der Wahrheit als der lichtenden Verbergung des Da, das in der Inständigkeit des Fragens ausgestanden werden muß.

Aber jede Sammlung auf ursprünglichere Zusammengehörigkeit kann vorbereitet sein für die Grunderfahrung des Da-seins.


25. Geschichtlichkeit und Sein


Die Geschichtlichkeit hier begriffen als eine Wahrheit, lichtende Verbergung des Seins als solchen. Das anfängliche Denken als geschichtliches, d. h. in der sich fügenden Verfügung Geschichte mit gründendes.

Die Herrschaft über die frei (d. i. bodenlos und eigensüchtig) gewordenen Massen muß mit den Fesseln der »Organisation« errichtet und gehalten werden. Kann auf diesem Wege das so »Organisierte« in seine ursprünglichen Gründe zurückwachsen, das Massenhafte nicht nur eindämmen, sondern verwandeln? Hat diese Möglichkeit überhaupt noch eine Aussicht angesichts


Martin Heidegger (GA 65) Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)

GA 65