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I. Vorblick

der zunehmenden »Künstlichkeit« des Lebens, die jene »Freiheit« der Massen, die beliebige Zugänglichkeit von allem für Alle, erleichtert und selbst organisiert? Das Entgegentreten der unaufhaltsamen Entwurzelung, das Haltgebieten soll keiner unterschätzen, es ist das Erste, was geschehen muß. Aber verbürgt es und vor allem verbürgen die solchem Handeln gerade notwendigen Mittel auch die Verwandlung der Entwurzelung in eine Verwurzelung?

Hier bedarf es einer anderen Herrschaft noch, einer verborgenen und verhaltenen, langehin vereinzelten und stillen. Hier müssen die Zukünftigen bereitet werden, die neue Standorte im Sein selbst schaffen, aus denen wieder eine Beständigkeit im Streit von Erde und Welt sich ereignet.

Beide Herrschaftsformen – grundverschieden – müssen von den Wissenden gewollt und zugleich bejaht werden. Hier ist zugleich eine Wahrheit, in der das Wesen des Seyns erahnt wird: die im Seyn wesende Zerklüftung in die höchste Einzigkeit und die flachste Vergemeinerung.



26. Philosophie als Wissen


Wenn das Wissen als Verwahrung der Wahrheit des Wahren (des Wesens der Wahrheit im Da-sein) den künftigen Menschen auszeichnet (gegenüber dem bisherigen vernünftigen Tier) und ihn in die Wächterschaft für das Seyn erhebt, dann ist das höchste Wissen jenes, das stark genug wird, um der Ursprung eines Verzichtes zu sein. Verzicht gilt uns freilich als Schwäche und Ausweichen, als Aushängen des Willens; so erfahren, ist Verzicht das Weg-geben und Sichlossagen.

Aber es gibt einen Verzicht, der nicht nur festhält, sondern sogar erst erkämpft und er-leidet, jener Verzicht, der entspringt als die Bereitschaft für die Verweigerung, das Festhalten dieses Befremdlichen, das solchergestalt als das Seyn selbst west, jenes Inmitten zum Seienden und zur Götterung, das einräumt das


Martin Heidegger (GA 65) Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)

GA 65