91
44. Die »Entscheidungen «

Seyn in seiner Einzigkeit zum Wort kommt und das Seiende als Einmaliges durchstimmt —

ob die Wahrheit als Richtigkeit in die Gewißheit des Vorstellens und Sicherheit des Rechnens und Erlebens entartet oder ob das anfänglich ungegründete Wesen der ἀλήθεια als die Lichtung des Sichverbergens auf einen Grund kommt -

ob das Seiende als das Selbstverständlichste alles Mittlere und Kleine und Durchschnittliche zum Vernünftigen verfestigt oder ob das Fragwürdigste die Gediegenheit des Seyns ausmacht —

ob die Kunst eine Erlebnisveranstaltung oder das Ins-WerkSetzen der Wahrheit ist —

ob die Geschichte zur Rüstkammer der Bestätigungen und Vorläuferschaften herabgesetzt wird oder als der Gebirgszug der befremdlichen unbesteigbaren Berge aufsteigt —

ob die Natur zum Ausbeutungsgebiet des Rechnens und Einrichtens und zur Gelegenheit des »Erlebens« erniedrigt wird oder ob sie als die sich verschließende Erde das Offene der bildlosen Welt trägt -

ob die Entgötterung des Seienden in der Verchristlichung der Kultur ihre Triumphe feiert oder ob die Not der Unentschiedenheit über die Nähe und Ferne der Götter einen Entscheidungsraum vorbereitet —

ob der Mensch das Seyn wagt und damit den Untergang oder ob er sich mit dem Seienden begnügt —

ob der Mensch überhaupt noch die Entscheidung wagt oder ob er sich der Entscheidungslosigkeit überläßt, die das Zeitalter als den Zustand »höchster« »Aktivität« nahelegt.

Alle diese Entscheidungen, die dem Schein nach viele sind und verschiedene, ziehen sich auf die eine und einzige zusammen: ob das Seyn sich endgültig entzieht oder ob dieser Entzug als die Verweigerung zur ersten Wahrheit und zum anderen Anfang der Geschichte wird.

Das Schwerste und Herrlichste der Entscheidung für das Seyn verschließt sich darin, daß sie unsichtbar bleibt und, falls


Martin Heidegger (GA 65) Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis) page 107

Contributions to Philosophy (of the Event) pp. 72-73

GA 65