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52. Die Seinsverlassenheit

Seinsverlassenheit des Seienden: daß das Seyn vom Seienden sich zurückgezogen und das Seiende zunächst (christlich) nur zu dem von anderem Seienden Gemachten wurde. Das oberste Seiende als Ursache alles Seienden übernahm das Wesen des Seyns. Dieses ehemals vom Schöpfergott gemachte Seiende wurde dann zum Gemachte des Menschen, sofern jetzt das Seiende nur in seiner Gegenständlichkeit genommen und beherrscht wird. Die Seiendheit des Seienden verblaßt zu einer »logischen Form«, zum Denkbaren eines selbst ungegründeten Denkens.

Der Mensch ist so überblendet durch das GegenständlichMachenschaftliche, daß ihm schon das Seiende sich entzieht; um wieviel mehr noch das Seyn und dessen Wahrheit, darin ursprünglich erst alles Seiende neu entspringen und befremden muß, damit das Schaffen seine großen Anstöße empfange, nämlich zum Schöpfen.

Seinsverlassenheit: daß das Seyn das Seiende verläßt, dieses ihm selbst sich überläßt und es so zum Gegenstand der Machenschaft werden läßt. Dies alles ist nicht einfach »Verfall«, sondern ist die erste Geschichte des Seyns selbst, die Geschichte des ersten Anfangs und des von ihm Abkünftigen und so notwendig Zurückbleibenden. Aber selbst dieses Zurückbleiben ist kein bloßes »Negativum«, sondern es bringt in seinem Ende erst die Seinsverlassenheit zum Vorschein, gesetzt, daß aus dem anderen Anfang die Frage nach der Wahrheit des Seyns gestellt ist und so das Entgegenkommen zum ersten Anfang anfängt.

Dann zeigt sich: daß das Sein das Seiende verläßt, besagt: das Seyn verbirgt sich in der Offenbarkeit des Seienden. Und das Seyn wird selbst wesentlich als dieses Sichentziehende Verbergen bestimmt.

Das Seyn verläßt schon das Seiende, indem die ἀλήθεια zum sich entziehenden Grundcharakter des Seienden wird und so die Bestimmung der Seiendheit als ἰδέα vorbereitet. Das Seiende läßt jetzt die Seiendheit nur als einen Nachtrag gelten, der

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