Nietzsche als übergehender Denker zuletzt aus dem Platonismus und seiner Umkehrung herausgedreht wird, kommt es nicht zu einer ursprünglich-überwindenden Fragestellung nach der Wahrheit des Seyns und nach dem Wesen der Wahrheit.
22. Andererseits ist Nietzsche derjenige, der erstmals die Schlüsselstellung Platons und die Tragweite des Platonismus für die Geschichte des Abendlandes (Heraufkunft des Nihilismus) erkannt hat. Genauer: Er hat die Schlüsselstellung Platons geahnt; denn Piatos Stellung zwischen der vor-platonischen Philosophie und der nachplatonischen wird erst sichtbar, wenn die vorplatonische aus sich anfänglich begriffen und nicht wie bei Nietzsche platonisch ausgelegt wird. Nietzsche blieb in dieser Auslegung hängen, weil er nicht die Leitfrage als solche erkannte und den Übergang zur Grundfrage vollzog. Nietzsche hat aber, und das wiegt zunächst mehr, den Platonismus in seinen verstecktesten Gestalten aufgespürt: Christentum und seine Verweltlichungen sind überall »Platonismus fürs Volk«.
23. Der Platonismus hat in seiner offenen und versteckten Herrschaft das Seiende im Ganzen, wie es im Verlauf der abendländischen Geschichte betrachtet und gestaltet wurde, in eine bestimmte Verfassung gerückt und bestimmte Vorstellungsrichtungen zu selbstverständlichen Wegen des »Fragens« gemacht (vgl. oben die »Transzendenz«). Und dieses ist das eigentliche Hemmnis für die Erfahrung und den Einsprung in das Da-sein, so sehr, daß zunächst Da-sein unverstanden bleibt, zumal eine Notwendigkeit seiner Gründung nicht einsichtig wird, da die Not für eine solche Notwendigkeit ausbleibt. Dieses Ausbleiben aber gründet in der Seinsverlassenheit als dem tiefsten Geheimnis der jetzigen Geschichte des abendländischen Menschen.
24. Um eine Bereitschaft zu schaffen für den Einsprung in das Da-sein, ist es daher eine unumgängliche Aufgabe, die