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117. Der Sprung

des Seyns nicht doch ein Seiendes leitend bleiben? Doch was heißt hier leitend? Daß wir an einem vorgegebenen Seienden das Sein als dessen Allgemeinstes abheben, das wäre nur ein Nachtrag in der Erfassung. Die Frage bliebe, warum uns das Seiende und in welchem Sinne »seiend« ist. Immer zuvor ist ein Entwurf, und die Frage bleibt nur, ob der Entwerfende als Werfer selbst in die Wurfbahn, die eröffnende, ein-springt oder nicht (vgl. Das Zuspiel, Der erste Anfang); ob der Entwurf selbst als Geschehnis aus dem Ereignis erfahren und bestanden wird oder ob, was im Entwurf aufscheint, nur als das Aufgehende (φύσις — ἰδέα) in sich zurückgestellt wird in der sich loslassenden Gegenwärtigung.

Woher aber der Grund der Entscheidung über die Entwurfsrichtung und Weite? Untersteht die Bestimmung des Wesens des Seyns der Willkür oder einer höchsten Notwendigkeit und damit einer Not? Die Not aber je verschieden nach dem Alter des Seins und seiner Geschichte; die Verborgenheit der Geschichte des Seins (vgl. Der Anklang, 57. Die Geschichte des Seyns und die Seins Verlassenheit).

Im anderen Anfang gilt es den Sprung in die erklüftende Mitte der Kehre des Ereignisses, um so das Da hinsichtlich seiner Gründung wissend - fragend - stilbereitend vorzubereiten. Das Seiende können wir nie begreifen durch Erklärung und Ableitung aus anderem Seienden. Es ist nur zu wissen aus seiner Gründung in der Wahrheit des Seyns.

Aber wie selten rückt der Mensch vor in diese Wahrheit; wie leicht und schnell kommt er aus mit dem Seienden und bleibt so des Seins enteignet. Wie zwingend scheint die Entbehrlichkeit der Wahrheit des Seins.

GA 65