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IV. Der Sprung

Aus dem ursprünglichen Wesen der Wahrheit bestimmt sich erst das Wahre und damit das Seiende und zwar so, daß jetzt nicht mehr das Seiende ist, sondern daß das Seyn zum »Seienden« entspringt. Deshalb wird im anderen Anfang des Denkens das Seyn als Ereignis erfahren, so zwar, daß diese Erfahrung als Erspringung alle Bezüge zum »Seienden« wandelt. Fortan muß der Mensch, d. h. der wesentliche und die Wenigen seiner Art, aus dem Da-sein seine Geschichte bauen und d. h. zuvor aus dem Seyn zum Seienden das Seiende wirken. Nicht nur wie bisher, daß das Seyn ein Vergessenes, aber unumgänglich nur vorgemeint, ist, sondern so, daß das Seyn, seine Wahrheit, jeden Bezug zum Seienden eigens trägt.

Dies verlangt die Verhaltenheit als Grundstimmung, die jene Wächterschaft im Zeit-Raum für den Vorbeigang des letzten Gottes durchstimmt.

Ob diese Umwerfung des bisherigen Menschen, d. h. zuvor die Gründung der ursprünglicheren Wahrheit in das Seiende einer neuen Geschichte glückt, ist nicht zu errechnen, sondern Geschenk oder Entzug der Ereignung selbst, auch dann noch, wenn die Wesung des Seyns bereits in der jetzigen Besinnung vorausgedacht und in den Grundzügen gewußt ist.

Die Er-eignung der Da-gründung verlangt freilich eine Entgegenkunft von selten des Menschen, und das bedeutet allerdings Wesentliches und vielleicht für den jetzigen Menschen schon Unmögliches. Denn er muß aus dem jetzigen Grundzustand heraus, der nichts Geringeres als die Verleugnung aller Geschichte in sich schließt.

Die Entgegenkunft des Menschen verlangt zuvor die tiefste Bereitschaft zur Wahrheit, zum Fragen nach dem Wesen des Wahren unter Verzicht auf alle Stützen im Richtigen und Zurechtgemachten der Machenschaft.

Im anderen Anfang kann nicht mehr ein Seiendes, ein bestimmter Bereich und Bezirk ebensowenig wie das Seiende als solches, maßgebend werden für das Seyn. Hier muß so weit


Martin Heidegger (GA 65) Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)

GA 65