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163. Das Sein zum Tode und Sein

Nichts und dies als Wesen des Daseins! Und das soll kein Nihilismus sein.

Aber es gilt ja nicht, das Menschsein in den Tod aufzulösen und zur bloßen Nichtigkeit zu erklären, sondern umgekehrt: den Tod in das Dasein hereinzuziehen, um das Dasein in seiner abgründigen Weite zu bewältigen und so den Grund der Möglichkeit der Wahrheit des Seyns voll auszumessen.

Aber nicht jeder braucht dieses Seyn zum Tode zu vollziehen und in dieser Eigentlichkeit das Selbst des Da-seins zu übernehmen, sondern dieser Vollzug ist nur notwendig im Umkreis der Aufgabe der Grund-legung der Frage nach dem Seyn, eine Aufgabe, die allerdings nicht auf die Philosophie beschränkt bleibt.

Der Vollzug des Seins zum Tode ist nur den Denkern des anderen Anfangs eine Pflicht, aber jeder wesentliche Mensch unter den künftig schaffenden kann davon wissen.

Das Sein zum Tode wäre nicht in seiner Wesentlichkeit getroffen, wenn es nicht den Philosophiegelehrten Gelegenheit zu faden Spötteleien und den Zeitungsschreibern nicht das Recht zum Besserwissen gäbe.


163. Das Sein zum Tode und Sein


muß immer als Bestimmung des Da-seins begriffen werden, das will sagen: das Da-sein selbst geht nicht darin auf, sondern umgekehrt schließt das Sein zum Tode in sich, und mit diesem Einschluß erst ist es volles, ab-gründiges Da-seiVz, d. h. jenes »Zwischen«, das dem »Ereignis« Augenblick und Stätte bietet und so dem Sein zugehörig werden kann.

»Weltanschaulich« bleibt das Sein zum Tode unzugänglich, und wenn es so mißdeutet wird, als sollte damit der Sinn des Seins überhaupt und somit seine »Nichtigkeit« im gewöhnlichen Sinn gelehrt werden, dann ist alles aus dem wesentlichen Zusammenhang herausgerissen. Das Wesentliche wird nicht


Martin Heidegger (GA 65) Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)

Contributions to Philosophy (of the Event) p. 224