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212. Wahrheit als Gewißheit

breitet sich aus und legt sich über alles menschliche Verhalten.

Die Verleugnung aller Geschichte kommt herauf als Umschaltung alles Geschehens in das Machbare und Einrichtbare, was sich erst vollends damit verrät, daß es ganz ohne Bezug und nur bekenntnishaft irgendwo und wie eine »Vorsehung« und ein »Schicksal« gelten läßt.

Die Gewißheit aber als Ichgewißheit verschärft die Auslegung des Menschen als animal rationale. Die Folge dieses Vorgangs ist die »Persönlichkeit«, von der viele auch heute noch glauben und glauben machen möchten, sie sei die Überwindung der Ichhaftigkeit, wo sie doch nur ihre Verschleierung sein kann.

Was aber bedeutet dieses, daß noch bei Descartes versucht wird, die Gewißheit selbst als lumen naturale zu rechtfertigen aus dem höchsten Seienden als creatum des Creator?

Welche Gestalt nimmt dieser Zusammenhang später an? Bei Kant als Postulatenlehre! Im Deutschen Idealismus als die Absolutheit des Ich und des Bewußtseins!

All dieses sind nur auf Grund des Transzendentalen tiefer gelegte Nachformen des Descartes'schen Gedankenganges ego, ens finitum, causatum ab ente infinito.

Auf diesem Wege wird vollends die anfänglich vorbestimmte Vermenschung des Seins und seiner Wahrheit (Ich - Vernunftgewißheit) ins Absolute gesteigert und so scheinbar eigentlich überwunden, und dennoch ist alles das Gegenteil einer Überwindung, nämlich tiefste Verstrickung in der Seinsvergessenheit (vgl. Das Zuspiel, 90. und 91. Vom ersten zum anderen Anfang).

Und gar jene Zeit, die nachkommt seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, hat nicht einmal von dieser Anstrengung der Metaphysik ein Wissen, sondern versinkt in die Technik der »Wissenschaftstheorie« und beruft sich dabei, nicht völlig ohne Recht, auf Plato.

Der Neukantianismus, den auch die »Lebens«- und »Existenz «philosophie bejaht, weil beide, ζ. B. Dilthey, ebenso Jas-

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