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227. Vorn Wesen der Wahrheit

sogleich zugänglichen Eigenschaften erstrebt und gefordert werden kann; vielmehr ein Höheres, daran zugleich ermessen werden kann die schon lange herrschende Entwurzelung der Wahrheitsfrage. Wahrheit ist von hier aus, und d. h. notwendig geschichtlich erfahren, die Verrückung in die Versetztheit.

Daß diese in gewisser Weise immer besteht, seitdem der Mensch und wenn er geschichtlich ist, und daß gleichwohl diese Versetztheit verhüllt bleibt, das hegt wesentlich an der Herrschaft der Richtigkeit. Ihr gemäß steht und findet sich der Mensch sogleich und nur in einem Gegenüber (ψυχή - άντικείμενον, cogito - cogitatum, Bewußtsein - Bewußtes). Aus diesem Gegenüber nimmt er und erwartet er die Erfüllungen seiner Ansprüche. In ihm spielt sich alles ab, worin sich der Mensch verständigt glaubt. Dahin gehört auch die Herrschaft der »Transzendenz« (vgl. Das Zuspiel, 110. Die ἰδέα, der Platonismus und der Idealismus).

Und hier ist der tiefste Grund für die Verhülltheit und Verstelltheit des Da-seins. Denn was ist, trotz aller Gegnerschaft gegen das »Ich«, eindeutiger und fragloser, als daß »ich«, »wir« gegenüber sind den Gegenständen; wobei »wir« und »ich« erst das Fraglose sind, das man sich ruhig im Rücken lassen kann. Und man wagt deshalb doch nicht die Besinnung so weit zu treiben, auch nur innerhalb dieser Grundstellung, daß man sieht: wir »haben« nichts mehr »gegeben«, was ab-bildend und wieder-gegeben das Wahre sein könnte.

Ginge nur das Eingeständnis so weit, dann müßte schon die Frage sich regen, ob denn überhaupt die Richtigkeit, die ein solches Vor-stellen des Seienden und des Vorstellenden selbst erst begründet hat (nicht etwa voraussetzt), als Wesen der Wahrheit das Suchen und den Anspruch auf das Wahre begründen und bestimmen kann.

Zudem, eine solche Richtigkeit würde niemals aus der Not der Seinsverlassenheit herausführen, sondern sie nur erneut verhüllend bestätigen und fordern.

GA 65