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VIII. Das Seyn

Einrichtung, das Vermitteln und das Vertreiben wesentlicher als das, dem all dieses gilt. Das »Leben« wird in das Erleben verschlungen, und dieses selbst steigert sich in die Veranstaltung des Erlebens. Die Veranstaltung des Erlebens ist das höchste Erlebnis, in dem »man« sich zusammenfindet. Das Seiende ist nur noch ein Anlaß für dieses Veranstalten, und was soll hier dann noch das Seyn? Aber da ist für die Besinnung der Entscheidungspunkt der Geschichte in die Sicht getreten, und das Wissen wird wach, daß nur im Durchgang durch äußerste Entscheidungen noch eine Geschichte zu retten ist angesichts des Riesenhaften der Geschichtslosigkeit.

Darum suchen wir vergeblich die Geschichte, d. h. ihre historische Überlieferung, ab, um auf das Seyn selbst als Entwurf zu stoßen. Wenn je ein Wink in dieses Wesen des Seyns uns treffen könnte, müßten wir schon darauf gerüstet sein, die ἀλήθεια erstanfänglich zu erfahren. Doch wie weit sind wir davon und wohl endgültig entfernt?

Die noch ungebrochene, wenngleich durch und durch verstörte und unkenntlich gewordene Herrschaft der »Metaphysik« hat dahin geführt, daß uns das Seyn nur als Mitergebnis des Vorstellens des Seienden als eines Seienden sich vorstellt, von welcher abendländischen Grundbestimmung aus (zunächst noch echt als οὐσία) dann alle Abänderungen der Auslegung des Seienden sich ergeben.

Hierin liegt auch der Grund, weshalb wir zunächst auch innerhalb der Notwendigkeit, die Wahrheit des Seyns zu erfahren (er-denken), noch scheinbar im Vor-stellungsmäßigen uns bewegen. Wir fassen das »Ontologische«, wenn zwar als Bedingung des »Ontischen«, doch nur als den Nachtrag zu ihm und wiederholen das »Ontologische« (Entwurf des Seienden auf die Seiendheit) noch einmal als Selbstanwendung auf es selbst: Entwurf der Seiendheit als des Seyns auf seine Wahrheit. Zunächst gibt es gar keinen anderen Weg, um überhaupt, aus dem Gesichtskreis der Metaphysik herkommend, die Seinsfrage als Aufgabe begreiflich zu machen.

GA 65