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265. Das Er-denken des Seyns

Vorurteile der abendländischen Philosophie: das Denken müsse »logisch«, d. h. im Hinblick auf die Aussage bestimmt werden (die »psychologische« Erklärung des Denkens ist ja nur ein Anhang zur »logischen« und setzt diese voraus, auch dort, wo sie meint, die logische ersetzen zu können; »psychologisch« steht hier für biologisch-anthropologisch). Eine Kehrseite jenes Vorurteils aber ist auch nur, wenn man nun bei der Ablehnung der »logischen« Auslegung des Denkens (d. h. des Bezugs zum Sein; vgl. »Was ist Metaphysik?«) von der Angst oder besser Furcht befallen wird, es werde nun die Strenge und der Ernst des Denkens gefährdet und alles dem Gefühl und seinem »Urteil« anheungestellt. Wer sagt denn und wer hat je bewiesen, daß das logisch gemeinte Denken das »strenge« sei? Das gilt ja, wenn es überhaupt gilt, nur unter der Voraussetzung, daß die logische Auslegung des Seins die einzig mögliche sein könne; was aber erst recht ein Vorurteil ist. Vielleicht ist im Hinblick auf das Wesen des Seyns gerade die »Logik« das am wenigsten strenge und ernste Verfahren der Wesensbestimmung und nur ein Schein, der freilich noch tieferen Wesens ist als der »dialektische Schein«, den Kant im Bereich der möglichen Vergegenständlichung des Seienden im Ganzen sichtbar gemacht hat. Die »Logik« selbst ist mit Bezug auf die Wesensgründung der Wahrheit des Seyns ein Schein, aber der notwendigste Schein, den die Geschichte des Seyns bis jetzt kennt. Das Wesen der »Logik« selbst, die ihre höchste Gestalt in Hegels Metaphysik erreicht hat, läßt sich erst aus dem anderen Anfang des Denkens des Seyns begreifen. Die Abgründigkeit dieses Denkens läßt aber auch die sogenannte Strenge des logischen Scharfsinnes (als Form der Wahrheitsfindung, nicht nur des Ausdrucks des Gefundenen) als eine ihrer selbst nicht mächtige Spielerei erscheinen, die ja dann auch in die Philosophiegelehrsamkeit ausarten konnte, in der jedermann mit irgendeinem Scharfsinn versehen sich umhertreiben kann, ohne jemals vom Seyn betroffen zu werden und den Sinn der Frage nach dem Seyn zu ahnen.

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