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VIII. Das Seyn

Aber das Erdenken des Seyns ist nun auch entsprechend selten und vielleicht uns nur erst in groben Schritten einer Vorbereitung seiner gegönnt, wenn das Wagnis dieses abgründigen Sprunges eine Gunst heißen darf.

Erst dieses Denken des Seyns ist wahrhaft un-bedingt, d. h. nicht bedingt und bestimmt durch ein Bedingtes außerhalb seiner und des von ihm zu Denkenden, sondern einzig bestimmt durch das in ihm zu Denkende, durch das Seyn selbst, das gleichwohl nicht »das Absolute« ist. Aber indem das Denken (im Sinne des Er-denkens) aus dem Seyn das Wesen erhält, indem sogar das Da-sein, dessen eine Inständigkeit das Erdenken sein muß, erst und nur durch das Sein er-eignet wird, hat das Denken, d. h. die Philosophie, ihren eigensten und höchsten Ursprung aus ihr selbst, aus dem in ihr zu Denkenden erreicht. Erst jetzt ist sie schlechthin unangreifbar durch Schätzungen und Wertungen, die nach Zielen und Nutzen rechnen, d. h. die Philosophie entsprechend wie die Kunst als eine Kulturleistung oder schließlich nur noch als Kulturausdruck mißhandeln und unter Zumutungen stellen, die dem Schein nach die Philosophie überragen, in Wahrheit aber tief unter ihr bleiben, ihr Wesen ins Verständliche hinabzerren und in solcher Verzerrung in das gerade noch Geduldete und Belächelte verschieben.

Welche Anmaßung muß es, aus solcher Niederung gesehen, bleiben, der Philosophie ihren unbedingten Ursprung zu behaupten. Doch selbst aus einer höheren Ebene der Schätzung, ja aus jeder nur irgend versuchten erreichen wir keinen anderen Wesensblick in die Philosophie, der nicht das »Titanische« mit erblicken müßte. In der Metaphysik und durch ihre Geschichte hindurch bleibt es verschleiert und schließlich zu einer bloßen erkenntnistheoretisch bedenklichen Grenzüberschreitung abgeschwächt. Wenn jedoch im Übergang aus der Metaphysik das Denken zum Erdenken des Seyns sich entscheiden muß, dann steigert sich die Gefahr der unumgänglichen Vermessenheit ins Wesentliche. Das Wissen von dieser Gefahr


Martin Heidegger (GA 65) Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)

GA 65