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VIII. Das Seyn

als Entwurf und daher als der Charakter des Verstehens festgelegt wird (das Seinsverständnis des Da-seins). Aber diese Bestimmungen, so entscheidend sie bleiben für eine erste Verdeutlichung des ganz anderen Fragens der Seinsfrage, sind doch, auf die Fragwürdigkeit des Seyns und seiner Wesung hinaus gesehen, nur wie ein erster tastender Schritt auf ein sehr langes Sprungbrett, bei welchem Schritt kaum etwas gespürt wird von der Forderung, die am Ende des Sprungbretts für den Absprung nötig ist. Doch man nimmt diesen Schritt nicht einmal als ersten für ein langes »unterwegs«, sondern als den schon letzten, um sich in dem Gesagten als einer bestimmten »Lehre« und »Ansicht« einzurichten und mit ihr allerlei in historischer Hinsicht auszurichten. Oder aber man lehnt diese »Lehre« ab und bildet sich ein, damit etwas über die Seinsfrage entschieden zu haben. Im Grunde aber gibt die Heraushebung der »ontologischen Differenz« nur ein Zeugnis dafür, daß der Versuch zur ursprünglicheren Seinsfrage zugleich sein muß eine wesentlichere Aneignung der Geschichte der Metaphysik. Aber dieses Beides zu einigen bezw. von Grund aus schon in Einem zu haben: das Anfangen im ganz Anderen und die alles bisherige historische Beischaffen wesentlich übertreffende Treue zur Geschichte des ersten Anfangs, die gleich entschiedene Beherrschung und Behauptung des Sichausschließenden, das ist für die Gewohnheit der Historie und der Systematik so befremdlich, daß sie sich gar nicht einfallen lassen, Solches könnte gefordert sein. (Was anderes aber will die »phänomenologische Destruktion«?)

Deshalb schwebt denn auch die »ontologische Differenz« im Unbestimmten. Es sieht so aus, als sei sie schon zum mindesten seit Plato gewußt, wo sie doch nur vollzogen und gleichsam in Gebrauch genommen ist. Bei Kant ist sie im Begriff des »Transzendentalen« gewußt und doch nicht gewußt, weil einmal die Seiendheit als Gegenständlichkeit gefaßt wird und weil sodann diese Auslegung der Seiendheit gerade jede Seinsfrage abschneidet. Es sieht aber auch wieder so aus, als sei die »ontologische Differenz« etwas »Neues«, was sie nicht sein kann und

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