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268. Das Seyn (Die Unterscheidung)

Die Metaphysik aber macht das Sein seiend, d. h. zu einem Seienden, weil sie das Sein als »Idee« dem Seienden zum Ziel setzt und an dieser Zielsetzung nachmals dann die »Kultur« gleichsam aufhängt.

Das Seyn aber ist die Verwehrung aller »Ziele« und die Versagung jeder Erklärbarkeit.


268. Das Seyn
(Die Unterscheidung)


Das Seyn west als die Er-eignung der Götter und des Menschen zu ihrer Ent-gegnung. In der Lichtung der Verbergung des Zwischen, das aus der entgegnenden Ereignung und mit ihr entspringt, ersteht der Streit von Welt und Erde. Und erst im Zeit-Spiel-Raum dieses Streites kommt es zu Verwahrung und Verlust der Ereignung, tritt ins Offene jener Lichtung Jenes, was das Seiende genannt wird.

Das Seyn und das Seiende sind gar nicht immittelbar zu unterscheiden, weil überhaupt nicht unmittelbar zu einander bezogen. Das Seyn ist, obzwar das Seiende als ein solches einzig in der Ereignung schwingt, allem Seienden abgründig fern. Die Versuche, nach der Art der Benennung schon, beide zusammen vorzustellen, entstammen der Metaphysik. Ja diese hat sogar überall darin ihr Kennzeichen, daß die Unterscheidung von Sein und Seiendem, sowenig klar und ausdrücklich sie auch vollzogen sein mag, für eine unmittelbare genommen wird. Das Sein gilt als die Verallgemeinerung des Seienden; vorstellungsmäßig ebenso faßbar wie dieses, nur eben »abstrakter«. Das Sein ist, nur in der Verdünnung gleichsam, das Seiende noch einmal und doch nicht, weil das Wirkliche zu sein dem Seienden vorbehalten bleibt. Andererseits hat sich aufgrund der Vorherrschaft des Denkens (Vorstellens von etwas im κοινόν und καθόλου) das Sein als Seiendheit dennoch einen Vorrang angemaßt, der dann in der jeweiligen Bestimmung der Beziehung der Unterschiedenen zum Vorschein kommt.

GA 65