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VIII. Das Seyn

gesagt werden kann, daß sie durchaus unwahr sei, zumal sie doch, wenngleich verhüllt, gerade die Sprache in ihrem Bezug zum Sein (zum Seienden als solchem und zu dem das Seiende vorstellenden, denkenden, Menschen) im Blick hat. Nächst dem Aussagecharakter der Sprache (Aussage im weitesten Sinn genommen, daß die Sprache, das Gesagte und Ungesagte, etwas (Seiendes) meint, vorstellt, vorstellend gestaltet oder verdeckt u.s.f.) ist die Sprache als Besitztum und Werkzeug des Menschen und »Werk« zugleich bekannt. Dieser Zusammenhang der Sprache mit dem Menschen aber gilt als so innig, daß sogar die Grundbestimmungen des Menschen selbst (als animal rationale wiederum) dazu auserwählt werden, um die Sprache zu kennzeichnen. Das leiblich-seelisch-geistige Wesen des Menschen wird in der Sprache wiedergefunden: der Sprach(Wort)-Leib, die Sprach-Seele (Stimmung und Gefühlston und dergleichen) und der Sprach-Geist (das Gedachte-Vorgestellte) sind geläufige Bestimmungen aller Sprachphilosophie. Diese Auslegung der Sprache, man könnte sie die anthropologische nennen, gipfelt darin, in der Sprache selbst ein Symbol des Menschenwesens zu sehen. Wenn hier die Fragwürdigkeit des Symbolgedankens (ein echter Sproß der in der Metaphysik waltenden Verlegenheit zum Seyn) zurückgestellt wird, müßte demgemäß der Mensch als jenes Wesen begriffen werden, das in seinem eigenen Symbol sein Wesen hat bzw. im Besitz dieses Symbols (λόγον ἔχον). Offen bleibe, wie weit diese metaphysisch zu Ende gedachte symbolhafte Deutung der Sprache im seinsgeschichtlichen Denken über sich hinausgeführt werden kann und dabei ein Fruchtbares erwächst. Unleugbar ist mit dem, was in der Sprache den Anhalt dafür gibt, daß sie als Symbol des Menschen gefaßt werden kann, etwas getroffen, was der Sprache doch irgendwie eignet: der Wort laut und Schall, die Wortstimmung und die Wortbedeutung, wobei wir aber schon wieder im Gesichtskreis der aus der Metaphysik entspringenden Hinsichten auf das Sinnliche, Unsinnliche und Übersinnliche denken, auch dann, wenn wir mit »Wort« nicht


Martin Heidegger (GA 65) Beiträge zur Philosophie (Vom Ereignis)

GA 65