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277. Die »Metaphysik « und der Ursprung des Kunstwerks

Überall jedoch handelt es sich hier darum, geschichtlich zu denken und d. h. zu sein, statt historisch zu rechnen. Die Frage des »Klassizismus« und die Überwindung der »klassizistischen« Mißdeutung und Herabsetzung des »Klassischen« und ebenso die Kennzeichnung einer Geschichte als »klassisch« ist keine Frage der Stellung zur Kunst, sondern eine Entscheidung für oder gegen die Geschichte.

Zeitalter, die durch den Historismus Vieles und alsbald alles kennen, werden nicht begreifen, daß ein Augenblick einer kunst-losen Geschichte geschichtlicher und schöpferischer sein kann als Zeiten eines ausgedehnten Kunstbetriebs. Die Kunstlosigkeit entspringt hier nicht aus dem Unvermögen und dem Verfall, sondern aus der Kraft des Wissens von den wesentlichen Entscheidungen, durch die Jenes hindurchschreiten muß, was bislang, selten genug, als Kunst geschah. Im Gesichtskreis dieses Wissens hat die Kunst den Bezug zur Kultur verloren; sie offenbart sich hier nur als ein Ereignis des Sejms. Die Kunst-losigkeit gründet in dem Wissen, daß die Ausübung vollendeter Fähigkeiten aus der vollständigsten Beherrschung der Regeln sogar nach den höchsten bisherigen Maßstäben und Vorbildern niemals »Kunst« sein kann; daß die planmäßige Einrichtung einer Anfertigung von solchem, was bisherigen »Kunstwerken« und ihren »Zwecken« entspricht, zu umfangreichen Ergebnissen gelangen kann, ohne daß jemals eine ursprüngliche Notwendigkeit des Wesens der Kunst, die Wahrheit des Seyns zur Entscheidung zu bringen, aus einer Not sich aufzwingt; daß ein Betrieb mit »der Kunst« als Betriebsmittel sich schon außerhalb des Wesens der Kunst gestellt hat und daher gerade zu blind und zu schwach bleibt, die Kunst-losigkeit in ihrer Geschichte-vorbereitenden und dem Seyn zugewiesenen Macht zu erfahren oder auch nur »gelten« zu lassen. Die Kunstlosigkeit gründet in dem Wissen, daß die Bestätigung und Zustimmung jener, die »Kunst« genießen und erleben, gar nichts darüber entscheiden können, ob der Genußgegenstand überhaupt aus dem Wesensumkreis der Kunst stammt

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