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34. Das seynsgeschichtliche Wort

33. Das Seyn und das Sein-lassen*


Das Sein-lassen des Seienden, wie und was es ist. Man meint, das gelinge am reinsten durch die Gleichgültigkeit, das Nichtsdazutun und Nichtswegnehmen.

Aber das Sein-lassen setzt umgekehrt die höchste Inständigkeit in der Wahrheit des Wesens des Seyns voraus.

Inständigkeit als das innige Ausharren in der Gründung der Wahrheit des Seyns, in welche Gründung der Mensch gewiesen ist, je wesentlicher sein Wesen der Tierheit und Geistigkeit entrungen wird.

Das Sein-lassen des Seienden muß am weitesten entfernt bleiben von jeder Anbiederung an das gerade Wirkliche als das Wirksame und Erfolgreiche.



34. Das seynsgeschichtliche Wort


ist mehrdeutig. Und zwar »meint« es nicht zugleich verschiedene »Gegenstände«, sondern ungegenständlich sagt es das Seyn, das, weil aus-tragendes Er-eignis, zumal und stets mehrfältig west und dennoch von seinem Wort die Einfachheit fordert. Erklärende »Definitionen« vermögen hier gleichwenig wie unbestimmtes und sinnbildliches Reden in Zeichen.

Dieses mehrfältige Sagen der seynsgeschichtlichen Worte schafft im Stillen Zusammenhänge, die eine berechnete Systematik nie trifft, da sie überdies als geschichtliche stets und notwendig ihr Verborgenes und noch Unentschiedenes in sich zurückhalten; dies Unsagbare jedoch ist nicht das Ir-rationale der »Metaphysik«, sondern das Erst-zu-Entscheidende der Gründung der Wahrheit des Seyns.


* Wahrheitsvortrag 1930 »Vom Wesen der Wahrheit« (In: Vorträge. Gesamtausgabe Band 80).


Martin Heidegger (GA 66) Besinnung

GA 66