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VIII. Das Seyn und der Mensch

jedoch das Selbst als das schon Vorhandene (nämlich als das Vernünftige, das Seiende Vor- und Herstellende) in die Kür des Willens und des Planens genommen wird. Freiheit ist dann sogleich und endgültig Aufgeben der Freiheit; denn der Verzicht auf das Erfragen des Wesens des Selbst im Sinne der Zugehörigkeit zum Sein entscheidet alles. Der Mensch sperrt sich gegen die Wahrheit des Seins und dessen Fragwürdigkeit.

Das Sichsperren wird aber, ohne es zu erkennen, umgefälscht in das Sichloslassen und Losmachen für die Betreibung des Seienden (»Welt«), dessen (als Grund gelegte) Mitte das Subjektum werden und bleiben soll.

Je wirklicher das Seiende genommen wird, um so wirksamer muß auch das »Subjekt« werden, um so weniger kann es noch »Geist« und »Wissen« und Erkenntnis bleiben, um so erfüllter vom Leben (»Leib« und »Seele«) muß es sich gebärden können, so daß eines Tages »das Leben« sich selbst dem Seienden im Ganzen gleichsetzt und das Wesen des Menschen sich als Leben und aus dem »Leben« bestimmt.

Die Tierheit des Menschen (ζῷον, animal) kommt jetzt zu ihrem Sieg; was nicht heißt, daß nun alles »tierisch« gedacht werde. Solches bliebe, weil eindeutig grob, auch harmlos. Die Tierheit siegt, dies bedeutet: »Leib« und »Seele« als die anfänglichen und ständigen (wie immer sonst gefaßten) Bestimmungen des Tierhaften übernehmen die Rolle der Wesentlichkeit im Wesen des Menschen. So alt wie die Tierheit des Menschen ist auch das Denken — die Vernunft, νοϋς, ratio, der »Geist« als Wesensbestimmung des Menschen. Und seit langem galt die Rangfolge Leib — Seele — Geist und zwar aus verschiedenen Gründen, zuletzt weil ja der Geist als die »Seele« des Verstandes und der Vernunft doch das Wirklichste und Wirkendste sei im Herstellen und Vorstellen (actus purus), bis dann mit der Umkehrung des Platonismus durch Nietzsche der Geist zum machtlosen Widersacher der Seele (des »Lebens«) entmachtet werden konnte. Der Sieg der Tierheit scheut sich zwar, den »Geist« schlechtweg abzusetzen und als eine Nacherscheinung des »Lebens«

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