68. Die Seynsvergessenheit

Sie ist die ab-gründige (d. h. dem Seyn zugekehrte) Vergessenheit. Was in ihr vergessen (in einem ausgezeichneten Unbehalten behalten) bleibt, ist zunächst Jenes, was ständig im Seinsverständnis behalten wird und vor allem anderen in einem eigentümlichen Behalt verwahrt bleiben muß, so zwar, daß dieses Behaltene in seiner Behaltenheit dem Menschen überhaupt den Grund gibt, auf dem er inständig inmitten einer Lichtung des Seienden, zu diesem sich verhaltend, im Ausstehen dieser Lichtung sich halten kann, um so ein Selbst zu sein. Die Zugehörigkeit in die Wahrheit des Seyns und ihr zufolge die Ausgesetztheit in das Seiende gründet mit in einer Vergessenheit des Seins.

Im alltäglichen Vergessen des Seins jedoch sinkt ein Vergessen in die Vergessenheit samt dem Vergessenen (Sog). Diese Vergessenheit sieht, falls sie überhaupt gesehen wird, aus wie das bloße Nichts.

Das Vergessen des Seins ist kein Entfallen und kein Verlieren von Behaltenem, keine Abschnürung gegen Erinnerbares und keine Abkehr von Erinnertem. Was ist es dann? Ein bloßes Übersehen des Seins, das da ständig vorverstanden wird? Nur ein Nicht-eigens-daran-denken?

Fast sieht es so aus wie eine gleichgültige Gleichgültigkeit, da ja das ausdrückliche Beachten des sonst Vergessenen als eines doch stets Behaltenen nichts weiter austrägt, es sei denn, daß hierdurch die bisher durch die Vergessenheit gewährte unbeschwerte Unmittelbarkeit des Bezugs zum Seienden gestört wird, ohne einen Gewinn an wesentlicher Einsicht zu bieten; denn dieses Sein verrät sich je nur als das Leere und Allgemeinste, dem Nichts Gleichzusetzende, worüber nichts weiter zu sagen ist, was einzusehen der gemäßesten Erfassung des Seins gleichkommt. Muß dann aber nicht das Vergessen des Seins das oberflächlichste genannt werden? Die Rede von einem Ab-grund der Vergessenheit erscheint als grundlose Übertreibung.


Martin Heidegger (GA 66) Besinnung