I. DIE NEGATIVITÄT.

DAS NICHTS - DER ABGRUND - DAS SEYN


1. Über Hegel

Die Erörterungen, die wir in der Form einer Aussprache versuchen, sollen nicht den Gang Ihrer Arbeit an der Auslegung von Hegels »Logik« stören. Die Fragen, denen wir zustreben, wollen aber auch nicht von auBen her in Hegels Philosophie »einfallen« mit jener »Ungeduld der einfallenden Reflexion«1, die einer Systematik des Denkens, zumal von der Art der Hegelschen, durchaus zuwider und deshalb auch unfruchtbar sein muß.

Allerdings gilt uns Hegel auch nicht nur als ein beliebiger Anlaß und Anhalt für eine philosophische Auseinandersetzung. Seine Philosophie steht endgültig in der Geschichte des Denkens — oder wollen wir sagen: des Seyns — als die einzigartige und noch nicht begriffene Forderung einer Auseinanclerselzun64 mit ihr — für jegliches Denken, das nach ihr kommt oder auch nur erst die Philosophie wieder vorbereiten will — und vielleicht muß.

Nietzsche, der sehr langsam und spät genug sich aus der von Schopenhauer übernommenen kläglichen Verunglimpfung und Mißachtung Hegels frei machte, sagte einmal, daß »wir Deutsche Hegelianer sind, auch wenn es nie einen Hegel gegeben hätte«.2

Das Einzigartige der Philosophie Hegels besteht zuerst darin,


1. G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik. Herausgegeben von Georg Lasson. Leipig 1923. Vorrede zur zweiten, Ausgabe, S. 21.

2. Vgl . Friedrich Nietzsche. Die fröhliche Wissenschaft. V. Buch, n. 357. WW (Großoktavausgabe) Bd. V. S. 230.