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Das abendländische Gespräch

ursprünglicheren Sinne, daß es das Menschenwesen trägt, es austrägt, damit es sich in diesem Tragenden erfülle. »Ströme machen urbar das Land«. Sie wecken und hüten das Tragsame des Landes, das trägt, weil es der Erde eigen ist.

D. J.2 Die, wie der Gesang »Germanien« sagt: »Mutter ist von allem, und den Abgrund trägt«.

D. Ä. Nicht also die »Erträgnisse« der Erde allein sind ihr Ertragenes. Sie trägt auch — und allen Erträgnissen vorauf — den Abgrund. Was ist der Abgrund? Wie kann er getragen werden? Inwiefern ist die Mutter Erde die Tragende?


D. J. So geradezu, wie du fragst, kann ich dir nicht antworten, so wenig wie du dir selbst. Aber ein Wort Hölderlins aus »Mnemosyne« mag uns helfen, das Unbeantwortete zu bedenken. In dieser Hymne sagt der Sänger:


Nicht vermögen

Die Himmlischen alles. Nemlich es reichen

Die Sterblichen eh' in den Abgrund.


D. Ä. Die Menschen vermögen Solches, was die Götter nicht vermögen. Und was die Menschen eher vermögen ist, daß sie mit den Wurzeln ihres Wesens in den Abgrund gehören, den die Erde trägt.

D. J. Das Menschenwesen ist der tragenden Erde übereignet, insofern sie den Abgrund trägt.

D. Ä. Dieses Tragen rufen die Ströme aus der Erde und hüten das Tragsame, wenn sie »urbar« machen das Land. Die Ströme tragen das Tragende und damit das Getragene, nämlich den Abgrund, den Menschen zu, damit sie dort, wo ihr Wesen wurzelt, wohnen können.

D. J. Du meinst also, daß die Menschen nicht nur dann und nicht nur darum an den Strömen wohnen, wann und weil an ihnen


2 [Die wiederholte Nennung des »Jüngeren« entstand versehentlich beim Übergang der Niederschrift auf ein neues Blatt.]

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