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Das abendländische Gespräch

D.Ä. Warum gebraucht aber der Dichter dieses starke Wort »Waldgeschrei«?9

D.J: Das Schreien nennt das erregte Rufen der Wildnis in der geheimnisvollen Stunde der Morgendämmerung, wo im Unentschiedenen zwischen Nacht und Tag doch das Entschiedene sich zugleich enthüllt und verbirgt. Der Vogelschrei ist einbehalten in den Übergang des Dämmerns und singt zwischen Nacht und Tag hin und her, bringend die schwere Wonne des aufgehenden Geistes.

D.Ä. Das Waldgeschrei bringt so die dichtenden Sänger auf die Spur ihres Gesanges, der singt: »Jetzt komme, Feuer!«, daß du kommen magst in die Hut der schattigen Haine.

D.J. Doch findest du nicht auch, es sei eine arge Zumutung, den Zusammenhang auszufinden, der zwischen den Versen »Und wenn die Prüfung / Ist durch die Knie gegangen« und dem folgenden Vers: »Mag einer spüren das Waldgeschrei« besteht?

D.Ä. Gewiß; darum bedürften wir auch einer langen Besinnung, um die Beziehung zwischen dem Bestehen der Prüfung und dem Spüren des Waldgeschreis überhaupt zu sehen.

D. J. Vermutlich fand Hölderlin selbst auch, daß diese Beziehung ungenau gesagt sei, weshalb er die beiden ersten Verse später noch in folgender Weise änderte:

Und wenn die Prüfung ist
An die Brutfedern gegangen,
Mag einer spüren das Waldgeschrei.

D.Ä. Die Fassung ist sinnlicher und befremdlicher, aber deshalb im Sinne der späten Hölderlinschen Dichtung deutender, dichtender.


9 »Geschrei«: Vgl. VI, 13, »Leben ...« »... oder es rauschet so um der Thürme Kronen / Sanfter Schwalben Geschrei.« VI, 24: »In lieblicher Bläue blühet mit dem / Metallenen Dache der Kirchthurm. Den / Umschwebet Geschrei von Schwalben ...« [Auf gesondertem Blatt.]


Martin Heidegger (GA 75) Zu Hölderlin - Griechenlandreisen

GA 75