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Aus dem Umkreis der Besinnung auf die Neuzeit

Dann kommt jener zweideutige, im Grunde aber zerstörerische Menschenschlag hoch, der mit großem Geschick und sogar Fleiß alles bisherige ›Gute‹ in den Kenntnissen und Beurteilungen sich zulegt und damit ausgestattet sich in den Dienst der Berechnung stellt, gleichzeitig alles herabsetzt und verdächtigt, was irgend noch den Schein erwecken könnte, als vermöchte es noch einmal als Quelle jener Kenntnisse und Maßstäbe ans Licht treten.

Es liegt im Wesen der Berechnung und Planung, daß sie den Historismus in jeder Hinsicht und auf allen Gebieten braucht und verfestigt und als Berechnung eine Falschmünzerei im Stil des Riesenhaften ausbildet und aufrechterhält. Diese Vorgänge halten sich aber schon außerhalb der persönlichem Absichten und Haltungen und sind auch nicht mehr möglicher Gegenstand einer >Kritik<.

Aber auch wenn dies eingesehen ist, fehlen noch die Voraussetzungen, um innerhalb der Herrschaft der Berechnung auf das Unberechenbare zu stoßen, ohne es sogleich wieder durch eine Erklärung und Deutung um seine stimmende Macht zu bringen.



6. Die Kunst


Die angebliche Überwindung des ›Aesthetizismus‹ des 19. Jahrhunderts durch die heutige Kunst verbürgt noch keineswegs die Überwindung der Aesthetik, d. h. des Vorrangs des Er-lebens und der Schönheit. Im Gegenteil: da das Erlebnis dem Genießertum der Einzelnen (der Aestheten) entzogen und auf alle vergemeinert ist, wird die Vorherrschaft des Erlebnisses zwar unauffällig selbstverständlich, aber gewinnt dadurch an Zähigkeit; der ›Aesthetizismus‹ zeigt sich jetzt nur als schüchternes Vorspiel einer Masseneinrichtung; er ist nicht überwunden, sondern erst in volle Freiheit gesetzt. Der Beweis dafür liegt darin, daß man sich, um das ›Künstlerische‹ der neuen Kunst voll als neu zu retten, auf eine ›Aufgabe‹ berufen muß, der ζ. B. bestimmte Bauten ›dienen‹. Wodurch klar an den Tag kommt, wie sehr hier das Aesthetische

GA 76

Martin Heidegger (GA 76) Leitgedanken zur Entstehung der Metaphysik