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Ein Gespräch selbstdritt auf einem Feldweg

dürften: Der Mensch ist der in das Wesen der Wahrheit Gebrauchte. Dergestalt in seiner Herkunft weilend, wäre der Mensch vorn Edlen seines Wesens angemutet. Er vermutete das Edelmütige.


DER FORSCHER: Dieses Vermuten könnte wohl nichts anderes sein denn das Warten, als welches wir die Inständigkeit der Gelassenheit denken.


DER GELEHRTE: Und wenn die Gegnet die verweilende Weite wäre, könnte die Langmut am weitesten, sie könnte die Weite der Weile selbst noch vermuten, weil sie am längsten warten kann.


DER WEISE: Und der langmütige Edelmut wäre das reine In sich-beruhen jenes Wollens, das absagend dem Wollen auf das sich eingelassen hat, was nicht ein Wille ist.


DER GELEHRTE: Der Edelmut wäre das Wesen des Denkens und somit des Dankens.


DER WEISE: Jenes Dankens, das sich nicht erst für etwas bedankt, sondern nur dankt, daß es danken darf.


DER GELEHRTE: Mit diesem Wesen des Denkens hätten wir gefunden, was wir suchen.


DER FORSCHER: Gesetzt eben, daß wir Jenes gefunden hätten, worin doch alles Gesagte unseres Gesprächs zu ruhen scheint, und das ist das Wesen der Gegnet.


DER WEISE: Weil das nur gesetzt ist, sagen wir auch, wie Sie vielleicht bemerkt haben, seit geraumer Zeit alles nur gesetzter Weise.


DER FORSCHER: Gleichwohl kann ich nicht länger mit dem Geständnis zurückhalten, daB uns das Wesen der Gegnet näher gekommen ist, während sie selbst mir ferner zu sein scheint denn je.

Martin Heidegger (GA 77) Feldweg-Gespräche

GA 77