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Abendgespräch in einem Kriegsgefangenenlager

Wir einigten uns schon früher in dem Gedanken, die Verwüstung sei wohl ein weit vorausgreifendes Ereignis, durch das überhaupt alle Möglichkeiten, daß in seinem Herrschaftsbereich etwas Wesenhaftes aufgehe und erblühe, in der Wurzel erstickt werden.


DER ÄLTERE: Und dieses Erstickende versteckt sich hinter einem Verfänglichen, das sich in der Gestalt der angeblich höchsten Menschheitsideale kundgibt, als da sind: Der Fortschritt, die ungehemmte Leistungssteigerung auf allen Gebieten des Schaffens, die gleichmäßige Arbeitsgelegenheit für jedermann und über alldem der vorgeblich höchste Bestimmungsgrund: die gleichförmige Wohlfahrt aller Arbeitenden.


DER JÜNGERE: Das eigentlich Verwüstende und d. h. Bösartige besteht hier darin, daß diese Menschheitsziele die verschiedenen Menschentümer davon besessen machen, alles an die Verwirklichung dieser Ziele zu wenden und so die Verwüstung unbedingt zu betreiben und sie zunehmend in ihren eigenen Folgen zu verfestigen.


DER ÄLTERE: Wir sagten damals, es war an einem alten Dorfbrunnen, bei dem unser Gefangenentrupp rastete, diese Verwüstung sei keineswegs erst die Folge der Weltkriege, sondern die Weltkriege seien ihrerseits schon und nur eine Folge der Verwüstung, die seit Jahrhunderten die Erde anzehrt.


DER JÜNGERE: Deshalb können auch die einzelnen Menschen und Menschenrotten, die zwar solche Folgeerscheinungen der Verwüstung, aber niemals diese selbst, anzetteln und im Gang halten müssen, jeweils nur von einem nachgeordneten Range sein. Sie sind die wütenden Funktionäre ihrer eigenen Mittelmäßigkeit, die im Rang noch niedriger steht als das in seinen echten Grenzen Kleine und Dürftige.


DER ÄLTERE: »Verwüstung« heißt uns doch, daß alles, die Welt, der Mensch, die Erde in eine Wüste verwandelt wird.


Martin Heidegger (GA 77) Feldweg-Gespräche

GA 77