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Abendgespräch in einem Kriegsgefangenenlager

dagegen können wir dies wissen, daß wir als die Wartenden die längste Geschichtszeit vor uns haben.


DER ÄLTERE: Du, mir ist, als spürte ich nun erst das Heilende auch. Was Du soeben sagtest, deutet nur an, daß ja das geschichtliche Dasein eines Volkes und seine Dauer nicht darin gründen, daß Menschen seiner Geburtsart bloß die Vernichtung überleben und weiterleben und vielleicht, wie man sagt? wieder neu aufbauen, um das Bisherige in einer abgewandelten Form noch einmal zur Geltung zu bringen. Die reine Dauer des Geschickes wird allein durch das Warten, das des Kommens wartet, gut gegründet.


DER JÜNGERE: Deshalb können wir auch nichts Geringeres tun als das Geringe, uns gelassen auf das Warten einzulassen.


DER ÄLTERE: Und die Not wissen zu lernen, in der überall noch das Unnötige verharren muß.


DER JÜNGERE: Weil wir die Notwendigkeit des Unnötigen noch so wenig wissen, deshalb sieht es so aus, als sei das Unnötige in eine wüste Verlassenheit verstoßen.


DER ÄLTERE: Du sagst wohl mit Bedacht, es sähe so aus. Denn in Wahrheit ist nicht das Unnötige in einer Verlassenheit, sondern wir, die wir seiner als des Notwendigen nicht achten, sind die Verlassenen.


DER JÜNGERE: Du hast recht und hast vielleicht doch nicht recht. Das Unnötige braucht uns und unser Wesen, so wie der Klang, auch wenn er ungehört verklingen soll, des Instruments bedarf, das ihn wegschenkt.


DER ÄLTERE: Darum müssen wir die Notwendigkeit des Unnötigen wissen lernen und sie als Lernende den Völkern lehren.


DER JÜNGERE: Und für eine lange Zeit vielleicht mag dies der einzige Inhalt unserer l-ehre sein: die Not und die Notwendigkeit des Unnötigen.


Martin Heidegger (GA 77) Feldweg-Gespräche

GA 77