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Vorbereitende Einführung in das zu Denkende

ansteht, ist das »Sterbliche«, d. h. nicht das Vergängliche, sondern das geschicklich aus der Schickung des Schönen der Gottheit selber Ankommende:

θνατὰ θνατοῑσι πρέπει.

»Sterbliches Sterblichen ziemt.«

Dieses Schlußwort des Eingangs zu Pindars Gesang weist in die ersten drei Verse des Beginns zurück, freilich nicht in dem Sinne, als sei »das Menschliche« und »das Sterbliche« als »das Vergängliche« abhängig vom »Unvergänglichen« als dem »Göttlichen«. Auch die Götter stehen, sofern sie »sind«, d. h. scheinen, im Geschick der alles lichtenden, d. h. schickenden »Gottheit«. Das »Sterbliche« ist nicht das Mindere und Geringere, sondern anderen Wesens. Das Menschenwesen als ὁ θνατός ist, wenn wir hier Ungesprochenes und vielleicht auch Ungedachtes vom Wesen des Seins sagen dürfen, dem Wesen des Seins näher denn alles Seiende sonst. Der Mensch hat den Wesensblick für das Gold. Dieses birgt in seinem eigenen Wesen als das Glänzende die zweifach einige Beziehung sowohl auf das, was alles Glänzen zum Scheinen bringt, auf [die] Θεῑα als die Mutter des Lichten, als auch auf alles Anwesende, das, insofern es anwest, erglänzt und auf Goldgrund beruht. Der Mensch, der den Wesensblick für das Gold hat und zwar so hat, daß er diesen sagend in die Ankunft der Sprache gründet, entfaltet diesen Wesensblick in der ausgezeichneten Weise des dichtenden Sagens. Der Gesang Pindars, der im Namen des Goldes das Sein denkt, bezeugt es selbst. Um dies alles einfacher zu erkennen, inwiefern das Gold περιώσιοσ ἄλλων, »anwesender ist rings um anderes alles«, wäre jetzt nötig, Pindars Bestimmung der höchsten Seinsmöglichkeit des Menschen (λόγον ἐσθλὸν ἀκούειν, der Versammlung ins Edle zu gehören) nach einer wesentlichen Hinsicht auszudenken.


Martin Heidegger (GA 78) Der Spruch des Anaximander

GA 78