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Einblick in das was ist

Leid lindert und Nöte besänftigt. Aber man achtet gleichwohl nicht auf die Not. In bezug auf die Not herrscht inmitten der äußersten Not der höchsten Gefahr die Notlosigkeit. In Wahrheit, jedoch verhüllter Weise, ist die Notlosigkeit die eigentliche Not.

Alle haben Nöte. Keiner steht in der Not; denn die Gefahr scheint nicht zu bestehen. Gibt es Male, an denen wir die Not, die Herrschaft der Notlosigkeit, merken können? Es gibt die Merkmale. Nur achten wir nicht darauf.

Hunderttausende sterben in Massen. Sterben sie? Sie kommen um. Sie werden umgelegt. Sterben sie? Sie werden Bestandstücke eines Bestandes der Fabrikation von Leichen. Sterben sie? Sie werden in Vernichtungslagern unauffällig liquidiert. Und auch ohne Solches — Millionen verelenden jetzt in China durch den Hunger in ein Verenden.

Sterben aber heißt, den Tod in sein Wesen austragen. Sterben können heißt, diesen Austrag vermögen. Wir vermögen es nur, wenn unser Wesen das Wesen des Todes mag.

Doch inmitten der ungezählten Tode bleibt das Wesen des Todes verstellt. Der Tod ist weder das leere Nichts, noch ist er nur der Übergang von einem Seienden zu einem anderen. Der Tod gehört in das aus dem Wesen des Seyns ereignete Dasein des Menschen. So birgt er das Wesen des Seyns. Der Tod ist das höchste Gebirg der Wahrheit des Seyns selbst, das Gebirg, das in sich die Verborgenheit des Wesens des Seyns birgt und die Bergung seines Wesens versammelt. Darum vermag der Mensch den Tod nur und erst, wenn das Seyn selber aus der Wahrheit seines Wesens das Wesen des Menschen in das Wesen des Seyns vereignet. Der Tod ist das Gebirg des Seyns im Gedicht der Welt. Den Tod in seinem Wesen vermögen, heißt: sterben können. Diejenigen, die sterben können, sind erst die Sterblichen im tragenden Sinn dieses Wortes. Massenhafte Nötezahlloser, grausig ungestorbener Tode überall — und gleichwohl ist das Wesen des Todes dem Menschen verstellt. Der Mensch ist noch nicht der Sterbliche.


Martin Heidegger (GA 79) Bremer und Freiburger Vorträge

GA 79