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Einblick in das was ist

überhaupt eine Ankunft des anderen Seinsgeschickes erwarten, ohne in das bloße Wissenwollen zu verfallen.

Wie aber ist es, wo die Gefahr als die Gefahr sich ereignet und so erst unverborgen die Gefahr ist? Um die Antwort auf diese Frage zu hören, achten wir auf den Wink, der in einem Wort Hölderlins aufgespart ist. In der Spätfassung der Hymne »Patmos« (IV,2,227)2 sagt der Dichter am Beginn:


»Wo aber Gefahr ist, wächst
Das Rettende auch.«


Denken wir jetzt dieses Wort noch wesentlicher als der Dichter es dichtete, denken wir es aus in das Äußerste, dann sagt es: Wo die Gefahr als die Gefahr ist, ist schon das Rettende. Dieses stellt sich nicht nebenher ein. Das Rettende steht nicht neben der Gefahr. Die Gefahr selber ist, wenn sie als die Gefahr ist, das Rettende. Die Gefahr ist das Rettende, insofern sie aus ihrem Wesen das Rettende bringt. Was heißt »retten«? Es besagt: lösen, freimachen, freyen, schonen, bergen, in die Hut nehmen, wahren. Lessing gebraucht noch das Wort Rettung betonterweise in dem Sinne von Rechtfertigung: in das Rechte, Wesenhafte zurückstellen und darin wahren. Das eigentlich Rettende ist das Wahrende, die Wahrnis.

Wo aber ist die Gefahr? Welches ist der Ort für sie? Insofern die Gefahr das Seyn selber ist, ist sie nirgendwo und überall. Sie hat keinen Ort. Sie ist selbst die ortlose Ortschaft alles Anwesens. Die Gefahr ist die Epoche des Seyns, wesend als das Ge-Stell.

Ist die Gefahr als die Gefahr, dann ereignet sich eigens ihr Wesen. Die Gefahr ist aber das Nachstellen, als welches das Seyn selber in der Weise des Ge-Stells der Wahrnis des Seyns mit der


2 Hölderlin, Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, begonnen durch Norbert v. Hellingrath, fortgeführt durch Friedrich Seebass und Ludwig v. Pigenot. 2. Auflage, Berlin 1923.


Martin Heidegger (GA 79) Bremer und Freiburger Vorträge

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