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I. Vortrag

erweist sich jedoch nur als eine Folge des Sachverhaltes, daß alles, was ist, den Widerspruch zu seinem Grund hat, was Hegel oft und auf eine vielfältige Weise ausspricht. Einmal durch den Satz: »er [der Widerspruch] ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit; nur insofern etwas in sich selbst einen Widerspruch hat, bewegt es sich, hat Trieb und Tätigkeit.«2 Bekannter, weil eingängiger und darum oft angeführt, ist der Gedanke Hegels über das Verhältnis von Leben und Tod. Dieser, der Tod, gilt gewöhnlich als die Vernichtung und Verwüstung des Lebens. Der Tod steht zum Leben im Widerspruch. Der Widerspruch reißt Leben und Tod auseinander, der Widerspruch ist die Zerrissenheit beider. Hegel sagt jedoch (in der Vorrede zur »Phänomenologie des Geistes«): »Aber nicht das Leben, das sich vor dem Tode scheut und vor der Verwüstung rein bewahrt, sondern das ihn erträgt, und in ihm sich erhält, ist das Leben des Geistes. Er [der Geist] gewinnt seine Wahrheit nur, indem er in der absoluten Zerrissenheit [d. h. im Widerspruch] sich selbst findet« (ed. Hoffmeister S. 29/30).3 Und Hölderlins spätes Gedicht »In lieblicher Bläue blühet . . .« schließt mit dem Wort: »Leben ist Tod, und Tod ist auch ein Leben.«* Hier enthüllt sich der Widerspruch als das Einigende und Währende. Dem scheint zu widersprechen, was Novalis in einem seiner Fragmente schreibt (Wasmuth, Bd. III, 1125): »den Satz des Widerspruchs zu vernichten ist vielleicht die höchste Aufgabe der höheren Logik.«5 Aber der denkende Dichter will sagen: Der Satz der gewöhnlichen Logik, nämlich das Gesetz vom zu vermeidenden Widerspruch, muß vernichtet und so der Wider


2 a.a.O., S. 58.

3 G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes. Nach dem Text der Originalausgabe herausgegeben von Johannes Hoffmeister. 4. Auflage, Leipzig 1937.

4 Hölderlin, Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, begonnen durch Norbert v. Hellingrath, fortgeführt durch Friedrich Seebass und Ludwig v. Pigenot. 2. Auflage, Berlin 1923. IV. Band, S. 27.

5 Novalis, Briefe und Werke. Hrsg. von Ewald Wasmuth. Berlin 1943. Band III, S. 330, Fragment 1125.


Martin Heidegger (GA 79) Bremer und Freiburger Vorträge

Bremen Lectures and Freiburg Lectures pp. 82-83

GA 79