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Grundsätze des Denkens

haben Mensch und Sein allererst diejenigen Wesensbestimmungen empfangen, in denen sie durch die Philosophie metaphysisch begriffen werden.

Allein, das vorwaltende Zusammengehören von Mensch und Sein erfahren wir nie, solange wir uns im bloßen Vorstellen von Ordnungen und Vermittelungen aufhalten. Solches Vorstellen zeigt uns immer nur eine Verknüpfung, die entweder vom Sein oder vom Menschen her geknüpft wird und auf das so bestimmte Zusammen beider hindenkt. Das Vorstellen läßt uns nicht in das Zusammengehöre« einkehren. Wie aber kommt es dahin? Wie sollen wir dieses näher erfahren? Dadurch, daß wir uns aus der Haltung des bloßen Vorstellens von Verknüpfungen absetzen. Dieses Sichabsetzen ist ein Satz im Sinne eines Sprunges, der abspringt, weg aus der geläufigen Vorstellung vom Menschen als dem animal rationale und als einem Subjekt für Objekte, weg vom Sein als dem Grund des Seienden.

Wohin springt der Absprung, wenn er vom Grund abspringt? Springt er in einen Abgrund? Ja, insofern wir den Sprung noch im Gesichtskreis des metaphysischen Denkens vorstellen. Nein, insofern wir springen und uns loslassen. Wohin? Dahin, wohin wir schon eingelassen sind: in das Gehören zum Sein, aber zum Sein, das selber zu uns gehört, indem es als Sein nur bei uns wesen, d. h. an-wesen kann.

So wird denn, um das Zusammengehören von Mensch und Sein eigens zu erfahren, ein Sprung nötig. Dieser Sprung ist das Jähe der brückenlosen Einkehr in jenes Gehören, das allein erst ein Zueinander von Mensch und Sein und damit eine Konstellation beider zu vergeben hat. Der Sprung ist die jähe Einkehr in den Bereich, aus dem her Sein und Mensch einander in ihrem Wesen je schon erreicht haben.

Seltsamer Sprung, der uns vermutlich den Einblick erbringt, daß wir uns noch gar nicht genügend dort aufhalten, wo wir eigentlich schon sind. Wo sind wir? In welcher Konstellation von Mensch und Sein? Welches Zusammengehören, welche wie geartete Identität durchwaltet das Wesen von Sein und Mensch?


Martin Heidegger (GA 79) Bremer und Freiburger Vorträge

GA 79