Frage und Urteil>


Die bisherigen Erörterungen in Rickerts »Gegenstand der Erkenntnis« haben gezeigt, daß die Wirklichkeit als metalogisches Gebilde nicht der Gegenstand der Erkenntnis sein kann. Die Frage nach dem Gegenstand der Erkenntnis erhebt sich so von neuem.

Erkenntnis »besitzen« wir nur in Urteilen. So läßt sich am Ende der Gegenstand der Erkenntnis finden, wenn wir nach dem Gegenstand des Urteils fragen, also das herauszustellen suchen, »wonach wir uns [...] richten, wenn wir überhaupt urteilen« (Gegenstand2 86).

Zu diesem Zwecke wird es notwendig, das Urteil selbst zum Problem zu machen. Von vornherein wird das Urteil mit Rücksicht darauf betrachtet, daß es wahr sein soll. Es muß also untersucht werden, welche Struktur ihm im Hinblick auf den Wahrheitszweck zu kommt.

Diese Struktur des Urteils wird ersichtlich, wenn man es als Antwort auf eine Frage auffaßt.

Damit glaube ich, in aller Kürze die Problemstellung gekennzeichnet zu haben, wie sie im »Gegenstand der Erkenntnis« vorliegt.

Die seit dem Erscheinen der 2. Auflage des »Gegenstands« inzwischen von Rickert veröffentlichten Aufsätze über »die zwei


1 Kickert Seminar, 10. Juli 15.

2 [Heinrich Rickert, Der Gegenstand der Erkenntniss. Ein Beitrag zum Problem der philosophischen Transcendenz. Kreiburg i. H.: Druck von C. A. Wagner1892 (Habil.-Sehr. Universität Kreiburg i. ß.) (91 S.); ders., Der Gegenstand der Erkenntnis. Einführung in die Transzendentalphilosophie. 2., verb. und erw. Aufl. Tübingen und Leipzig: Mohr (Siebeck) 1904 (244 S.). Heidegger zitiert nach dieser 2. Auflage von 1904.]


Martin Heidegger (GA 80-1) Vortraege und Aufsaetze page 3

GA 80-1