nennt, nichts zu tun? Das Wesen des Vergessens mag in gewisser ser Weise durchscheinen in dem, was man von ihm seit langer, wenngleich nicht ältester Zeit des Denkens in nämlich, was wir [als] das Nicht-Behalten und Nichtwiedererlangenkönnen deuten. Doch schon der Hinweis auf den noch verborgenen Grund des Behaltens und Erlangens, der Hinweis auf »Aufenthalt« und und »Nichthaben« kann ausreichen, uns erkennen zu lassen, daß wir nicht das geringste Recht haben zur Behauptung, das Vergessen, dessen Wesen uns kaum dämmert, könne in keiner Wesensbeziehung stehen zum »ergessen« und »ergetzen«, sondern müsse ausschließlich als das Gegenwesen zum Behalten gedacht werden, welches Behalten dem Gedächtnisvermögen zugeschrieben wird. Steht es so, dann ist es nötig, uns anders zu entscheiden: Wir trauen der Weisheit der Sprache Höheres zu als unserer Gewohnheit, im Geläufigen eines irgendwann verhärteten Sprachverständnisses zu versinken.
So verborgen denn der Wesenszusammenhang zwischen »ergetzen« (ergessen) und »vergessen« für uns noch sein mag, wir folgen der unscheinbaren Weisung der Sprache.
Worin die Zeitwörter »ergetzen« (»ergessen«) und »vergessen« zunächst übereinkommen, ist folgendes: das, worauf sie bezogen sind, steht nach (ler älteren Sprache im (Genetiv. Beim »vergessen« kennen wir den genetivischen Bezug noch aus der Prägung des Namens »Vergißmeinnicht«; so auch die Wendung: »des Himmels vergessen«. Dieser Sprachgebrauch besteht durchgängig bis ins 18. Jahrhundert. Zur selben Zeit wird aus »ergetzen« unser heutiges »ergötzen«.27 (Noch (Goethe schreibt: ergetzen.) Es ist, als sollte jetzt auch im Wortlaut der ohnehin verborgene Bezug zu »vergessen« noch verklingen. Auch das Wort »ergetzen« verlangt. die genetivische Bestimmung. Bei Luther heißt es: »da will ich mich meiner Mühe und meines Herzeleids ergetzen«. Bei Wieland: er kam, »mich zu besuchen und meines Leides zu ergetzen«.28 Was
27 [Zu den folgenden Ausführungen und Beispielen vgl. Beilage Nr. 5, S. 945.]
28 [Randbemerkung in Bleistift mit Einfügungszeichen:] vergessen machen