253
»Zeit« in »Sein und Zeit«   Weg

Stellen wir die Geschichte als zeitliches Geschehen vor, dann ist die Geschichte weder als Geschick aus dem Seyn und als dieses erfahren, noch ist die Zeit als Zeit im Sinne des Vornamens der Wahrheit des Seyns genommen.

»Zeit« ist bei der gewöhnlich verstandenen »Zeitlichkeit« nur als Parameter für die chronologische Zeitrechnung genommen.

Die Zeitlichkeit, von der die Theologie und so auch Kierkegaard spricht, bewegt sich ganz im Felde dieses Parameters des Geschehens. Zeitlichkeit besagt: Vergänglichkeit.

In der gesamten Problematik der so vorgestellten Zeitlichkeit und »Geschichtlichkeit« des Menschen (Kierkegaard, Dilthey, Jaspers) findet sich keine Spur einer Frage nach der Wahrheit des Seyns. Die Dimension dieses Fragens kann hier überhaupt nicht zur Enthüllung kommen.

Es ist eine vergebliche und trostlose Bemühung, nachträglich nach Hinweisen zu suchen, um zu beweisen, daß, was »Sein und Zeit« denkt, »schon« bei Dilthey oder Kierkegaard oder sonstwo gedacht sei. Die berechtigte und notwendige Betonung dessen, daß Dilthey innerhalb des Denkens des späten 19. Jahrhunderts (Kantianismus und Psychologismus) die Geschichtlichkeit konkret erfahren und dargestellt hat, besagt keineswegs, daß er auch nur die Spur eines Gedankens von »Sein und Zeit« gefaßt haben könnte.



25. »Zeit«


»die reißende Zeit« (vgl. Hölderlin, Anmerkungen zur Antigone) »reißen« (vgl. der »reißende Strom«) hastig — gewaltsam wegziehen von der Stelle — nichts Beständiges bestehen lassen und dem Vergehen und Verschwinden ausliefern.

Doch die »reißende Zeit« ist vermutlich bei Hölderlin zugleich in dem Sinne gedacht, daß sie fortzieht und hineinhebt in ein vorbestimmtes vor-bestimmendes Zuhandenes, was so auf den Menschen zukommt und das »Schicksal« heißen kann. »Zeit« als die


Martin Heidegger (GA 82) Zu eigenen Veröffentlichungen

GA 82