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Die Protokolle zu den Seminaren

notwendig erfordert wurde, in dem jetzt auch aus den »verites eternelles« postulierbaren ens necessarium, in Gott. Die Realitäten werden ursprünglich im Verstande Gottes gebildet. Wie ist dieser Zusammenhang zwischen beiden zu verstehen? Über den Begriff der Idee.

Idea ist bei Descartes Vorstellung überhaupt. In der idea wird etwas gemeint. Dieses Gemeinte als solches ist ein Was, ein Reales. Demnach enthält die idea Realitas und zwar vorgestellte, vorgeworfene, d. h. realitas objectiva. Realitas aber ist, soweit sie ist, bei Descartes Vorstellung, idea: Sachheit ist als solche bezogen auf ein sich im Vollzug befindendes Vorstellen, das bei ihm realitas formalis oder actualis heißt. So kann die Frage nach dem Grunde des Möglichen, als Frage nach den Realitäten, eine sein nach den Ideen. Gottes schöpferisches Vorstellen ist der Bereich, in dem die essentiae, eben als Ideen, eröffnet werden: »la region des verites eternelles ou des idees« [Monadologie § 43].

Der Gottesbeweis aus dem Ideebegriff wird bei Descartes in der 3. Meditation (De Deo, quod existat) geführt. Zur idea gehört realitas objectiva. Diese ist je verschieden nach ihrem Sachhaltigkeitsgrad. Es ist nun »lumine naturale manifestum«, daß eine causa efficiens et totalis mindestens soviel realitas enthält als ihre Wirkung.119 Welche These auch gilt von Wirkungen, deren realitas objective ist. Der realitas objectiva einer idea entspricht so eine gleiche formale, d. h. der Vollzug des Vorstellens (die Form) muß ebenso wirklich (wirkkräftig) sein als der Gehalt (objectum) groß ist. Dieser nicht weiter bewiesene Grundsatz ist eine notio communis und unentbehrlich, damit so etwas wie Erkenntnis überhaupt möglich sei. Diese realitas formalis kann nicht im Ich enthalten sein, wo es sich um die realitas objectiva Gottes handelt. Denn die Sachhaltigkeit einer unendlichen Substanz ist größer als die einer endlichen, so wie diese wiederum größer ist als eines Attributs. Da wir nun aber die Idee Gottes haben, aber selbst nicht Gott sind, ist es notwendig, daß die ihr entsprechende realitas formalis sei,


119 [Meditatio III,§ 14. In: Œuvres de Descartes (Adam/Tannery), op.cit., torn. VII, p. 40.]


Martin Heidegger (GA 84 I) Seminare - Kant-Leibniz-Schiller

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