finden. Dies Prinzip aber ist, gerade weil es nicht von Verstand und Vernunft gegeben ist, die jederzeit auf Objekte sehen, notwendig ein subjektives.
Wenn Kant von reflektierender Urteilskraft spricht, so ist darauf hinzuweisen, daß der Begriff Reflexion bei ihm eine ganz bestimmte eigentümliche Bedeutung hat.383 Reflexion, Überlegung ist bei ihm der Grundakt der Begriffsbildung überhaupt. Die Begriffsbildung hat drei Stufen: 1) Vergleichen, 2) Reflexionund 3) Abstraktion.384
Verglichen wird und Vielerlei, und zwar verglichen auf ein Gemeinsames hin. Das Sich-wegwenden (flectere) von Vielerlei und Zuwenden (reflectere) zudem Einen-selben (z. B. von Buche, Eiche, Tanne zu Baum) ist Reflexion. Das Herausheben des identischen Gehaltes, der auf Grund seiner Selbigkeit allgemein gilt für Vieles ist die Abstraktion.
Reflexion heißt also Herausheben des Einen-selben im vergleichenden Betrachten des Vielerlei.
Bei der Kritik der Urteilskraft handelt es sich um ein Reflektieren in diesem Sinne. Es handelt sich deshalb um reflektierende Urteilskraft.
Nach dieser vorläufigen Erläuterung des Titels beginnen wir im Text § 43. Es ist von Kunst die Rede. Sie wird in dreifacher Bestimmung abgehoben: 1) von der Natur; 2) von der Wissenschaft und 3) vom Handwerk. Für jeden Vergleich muß es eine gemeinsame Hinsicht geben. Die gemeinsame Hinsicht für Natur und Kunst sieht beide als ein Geschehen bzw. einen Vorgang.
383 [Ergänzung nach der Mitschrift von Siegfried Bröse:] »Reflexion« heißen bei Kant also nicht einfach Denken, Nach denken, sondern heißt: von einem gegebenen Einzelnen das Allgemeine suchen. Kant spricht an anderer Stelle (Kritik der reinen Vernunft [A260ff., B316ff.]) von Reflexionsbegriffen: Amphibolie der Reflexionsbegriffe, z. B. Form — Inhalt (gelegentlich der Auseinandersetzung mit Leibniz).
384 [Vgl. Immanuel Kant, Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen, § 6. In: Kant’s gesammelte Schriften. Hg. von der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften, Bd. IX, a. a.O., S. 94.]