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Schillers Briefeüber dieaesthetische Erziehung — WS 1936/37

den Menschen nicht möglich das Vorstellen von etwas, eine Vor Stellung. Damit eine Vorstellung möglich ist, muß das Denken hinzukommen.

Wir müssen uns nun darüber klar werden, was das Denken ist. Das Resultat des Denkens ist der Gedanke, das Gedachte als solches.

Was ist der Gedankenun?(absolute Tathandlung des Geistes)

Brief19, AbsatzVI:»Der Gedanke ist die unmittelbare Handlung dieses absoluten Vermögens, welches zwar durch die Sinne veranlaßt werden muß, sich zu äußern, in seiner Äußerung selbst aber so wenig von der Sinnlichkeit abhängt, daß es sich vielmehr nur durch Entgegensetzung gegen dieselbe verkündigt.«216

Haben Sie schon einmal nach gedacht? Wie geht es zu, wenn man denkt? (Plato: Denken ist das innere Gespräch der Seele mit sich selbst.217)

»Der Tisch ist grün«, ist ein Gedanke. Sehe ich das? Ich stelle fest: der Tisch ist grün. Was können wir mit den Sinnen feststellen?:

1) grün (Farbigkeit)2) Ausbreitung, Figur 5) durch Tasten Rauhigkeit, Glätte ... 4) durch Hören Knall, dann ist es zu Ende.

Wenn wir nun sagen: »der Tisch da« oder nur »halt!«. Was steckt da schondr in? Damit wir das sagen: »derTisch«, damitmeinenwir dieses etwas da. Wanndenkenwir? Ist Denken ein Verknüpfen von sinnlichen Eindrücken? Dazu gehörte ein Vermögen der Verknüpfung — es gehört weiter dazu: Verknüpfbarkeit: daß das Verknüpfte zusammengehört. Ich kann aber nur verknüpfen, wenn ich schon zuvor eine Einheit habe.

Verknüpfen, Beziehen aufeinander — eines auf das andere — ist nur nützlich, wenn ich schon den Blick habe auf ein eines.


216 [Schiller, Überdieästhetische Erziehung des Menschen, hg. von Eugen Kühnemann, a. a.O., S.224; Schillers Werke. Nationalausgabe, Bd.20, a. a. O., S. 370. Heidegger verweist in einer Randbemerkung seines Handexemplars auf den 14. Brief (Stelle nicht inder Nationalausgabe):] 206: der Gedanke = Übereinstimmung des Verschiedenen.

217 [Platon, Sophistes 263e; vgl. auch Theaitctos 189e — 190a.]


Martin Heidegger (GA 84 II) Seminare - Kant-Leibniz-Schiller

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