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Anhang I

jedem Denken im vorhinein mitgedacht ist, auch wenn es uns nicht bewußt ist.

Bei dieser Auffassung vom Gehalt unseres Themas kann es nicht Aufgabe dieser Einführung sein, lediglich uns das von den Denkern Gedachte als Wissen zu vermitteln, sondern uns mit den Denkern denken zu helfen, uns an den Denkern Denken zu lehren, damit wir bereit werden für das Denken.



3. Protokoll vom 3.5.1944 - Fritz Mader


Das lateinische Wort für Grund ist ratio. Leibniz sagt zur ratio: »Nihil est sine ratione«, oder positiv ausgedrückt: »Onme ens habet rationem«. Leibniz hat diesen Satz auch noch in anderer Weise formuliert: »Ratio est cur aliquid potius sit quam non sit.« Der Grund ist also das Bestimmende für jedes Seiende, bestimmend für seine Abhebung gegen das nicht Seiende.

Das griechische Wort für Grund heißt ἀρχή. Es bedeutet einmal das Herrschen, die Herrschaft, dann aber auch der Ausgang, der Anfang, das, wovon etwas ausgeht, sofern es nicht als das Begründende zurückbleibt, sondern selbst begründet und das Begründete gleichsam beherrscht. Aristoteles hat die ἀρχή in seiner Metaphysik Δ 1, 1013a18 folgendermaßen definiert: Πασῶν μὲν οὖν κοινὸν τῶν ἀρχῶν τὸ πρῶτον εἶναι ὅθεν ἢ ἔστιν ἢ γίγνεται ἢ γιγνώσκεται. D. h. wörtlich übersetzt: »Es ist nun das Gemeinsame aller ἀρχαί, das erste zu sein, woher etwas entweder ist, oder entsteht oder erkannt wird.« Aristoteles unterscheidet hier also 3 Arten von Gründen:

1. der Sachgrund (τὸ πρῶτον ὅθεν ἔστιν); Beispiel: der Sachgrund für das Dreieck ist der Raum mit seinen 3 Abmessungen. Der Raum ist das, was diesem Gebilde zu Grunde liegt, was das Dreieck erst ermöglicht, ohne das es nicht existieren kann.

2. Der Entstehungsgrund (τὸ πρῶτον ὅθεν γίγνεται); Beipiel: Die Befruchtung etwa ist der Grund für die Entstehung eines neuen Lebewesens.


Martin Heidegger (GA 87) Nietzsche - Seminare 1937 und 1944

GA 87