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Einübung in das philosophische Denken

Seiende ist, erscheint es nicht möglich, den Gehalt dieses alltäglichen und geläufigen »ist« zu erfassen.



2. Stunde


Wir stehen bei dem Versuch, einen Gedanken des Heraklit mit zudenken: εἰ πάντα τὰ ὄντα καπνὸς γένοιτο, ῥῖνες ἂν διαγνοῖεν. »Wenn alles das Seiende in Rauch aufginge, dann dürften die Nasen es-das Seiende als Seiendes-unterscheiden«.

Es handelt sich um »Alles das Seiende«. Als erstes müssen wir uns deshalb die Frage stellen: Was ist Alles das Seiende? Und es stellt sich heraus, daß wir nicht so ohne weiteres darauf antworten können. Vorläufig wissen wir nur, daß es jedenfalls sehr viel ist. Wir versuchen aber, zu antworten und sehen zu, ob wir vielleicht auf etwas Richtiges treffen.

Sagen wir: Alles das Seiende ist alles Wirkliche. Was ist aber nun das? Etwa alles, was ich erfahren habe? Es gibt viel mehr Wirkliches. Das, was alle erfahren haben? Auch das ist zu wenig. Es könnte Wirkliches geben, was noch nie einer erfahren hat, das wäre deshalb doch noch nicht nichts.

Und selbst wenn wir all dies als Wirkliches zusammenfassen, so ist es noch nicht alles das Seiende. Das Denkbare gehört auch dazu. Ebenso das nur Mögliche, denn es ist auch, es ist eben möglich. Oder wollten wir sagen, daß der Tod nichts ist, weil wir noch leben und er für uns erst möglich ist?-Der Umkreis des Seienden wird immer größer. Alles, was nicht nichts ist, schließt er ein.

Von diesem Seienden erzählt das Wort des Heraklit nicht etwas; es heißt: Wenn das Sein des Seienden sich in bestimmter Weise änderte -in Rauch aufginge nämlich -, dann wäre das und das. Es macht eine Annahme, d. h. wir müssen uns etwas denken, was in Wirklichkeit nicht ist, eben, daß das Sein des Seienden anders würde, als es ist. Nun sind wir auf das Denken gestoßen und zwar auf eine sehr eigentümliche Art des Denkens, die Vorstellungs-oder Einbildungskraft. Es ist die Fähigkeit, sich ein Bild von etwas


Martin Heidegger (GA 88) Seminare (Übungen) 1937-38 und 1941-42

GA 88