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Anhang: Seminarprotokolle

2. Satz: Die Umkehrung dieser Folgerung gilt ebenfalls: Es gibt nicht und nie zwei schlechthin verschiedene Dinge. Beweis: Wären sie, die Dinge, völlig verschieden, so dürften sie keine einzige selbe Eigenschaft haben. Das ist aber unmöglich, denn auch das Verschiedenste stimmt darin überein, daß es etwas ist.

Diese beiden Sätze zeigen das schon öfters Dargelegte, daß Gleichheit nichts Ursprüngliches, sondern hergeleitet von der Selbigkeit ist, besonders klar.

Große Bedeutung hat das eben Gedachte in seiner Anwendung auf das so genannte Ururteil, das gewöhnlich so ausgesprochen wird: A gleich A. Diese Aussage ist als Formel des Identitätsgesetzes zweifellos falsch. Gleichheit besteht nur zwischen mindestens zwei Dingen, zwischen denen stets noch eine gewisse Verschiedenheit herrscht. Beides trifft beim Ururteil nicht zu. A ist A muß es heißen. Auf den ersten Blick eine leere Aussage, aber es scheint bloß so, denn indem wir uns verdeutlichen, was »A ist A« heißt, stoßen wir auf ein wichtiges Problem. »A ist A« heißt soviel wie: »A ist, was es ist«, »A ist das, was sein Wesen ist«. Und da stehen wir plötzlich vor der Frage nach dem Wesen der Dinge, nach dem, auf Grund dessen jedes Ding es selbst ist, was das Wesentliche an ihm ausmacht im Gegensatz zum Unwesentlichen. Der erste, der hier die Lösung fand, die unser ganzes neuzeitliches Denken beeinflußt, ja sogar erst gegründet hat, war Rene Descartes. Die betreffenden Gedankengänge finden wir in seinem mit »Meditationes de prima philosophia« überschriebenen Werke-1641-in der II. Meditation. (»Prima philosophia« =erste Philosophie, diese Bezeichnung findet sich schon im Altertum. Gemeint ist damit nicht eine zeitliche Festlegung, noch eine Reihenfolge im Studium dieser Wissenschaft, vielmehr bedeutet »Prima philosophia« die Philosophie in erster Linie, Philosophie über das Sein als Seiendes (ens qua ens); man könnte sogar sagen: eigentliche Philosophie, wenn man σοφός mit »Geschmack für das Wesentliche haben« übersetzt und Philosophie somit als Vorliebe für das Wesenhafte festsetzt. Dem gegenüber ist Gegenstand der »zweiten Philosophie« -auch die gibt es-die Betrachtung der einzelnen Seinsgebiete.)


Martin Heidegger (GA 88) Seminare (Übungen) 1937-38 und 1941-42

GA 88