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Winke x Überlegungen (II) und Anweisungen

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Wie weit weg muß die Natur-wissenschaft von der Natursein, daß sie das auf ihr gegründete Wüten der Technik als ihren Erfolg bucht?

Wohin ist uns die Geschichte entflohen, daß Zeitung und Parteiung als ihre Bewahrer sich breitmachen können?


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Leute, deren Nase gerade noch das Übermorgen riecht und die das Vorgestern allenfalls noch auf der Zunge haben, gebärden sich als die Wissenden und Gestalter der »neuen Wirklichkeit«.


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τὰ γὰρ δὴ μεγάλα πάντα ἐπισφαλῆ, καὶ τὸ λεγόμενον τὰ καλὰ τῷ ὄντι χαλεπά.14

Alles Große wankt und schwankt, steht im Sturm. Das Schöne ist schwer.

Das Letztere ein alter Spruch (Solon?), und er spricht mit dem Ersten das ganze Wesen der Griechen aus. Beides gesammelt im Ssivov (vgl. Sophokles’ Antigone).

Das Schöne ist schwer zu eröffnen, zu ertragen und zu behüten. Diese Schwere verkündet die Größe, die wankt. In all dem der Maßstab des Seienden als eines solchen. Und bei Platon nur noch eine Erinnerung, und nach ihm und schon durch ihn verwest in die leere und wurzellose convertabilitas des ens, verum, pulchrum, bonum — oder gar verschleudert in die teuflische Phrase vom »Wahren, Guten und Schönen«.

Aus jenem Spruch zu erfahren die Stimmung des Anfangs. Die verborgene tiefe Trauer über das verhüllte Ver-wesen des Wesens zum Sein als Anwesenheit. (Vgl. Ort, Zeit, Rede, Aussehen, »Ansicht«).


14 [Platonis opera. A.a.O. Tomus IV (1902),] Res publica, VI, 497d9; IV, 436c8.


Martin Heidegger (GA 94) Überlegungen II-VI (Schwarze Hefte) (1931-1938)

Ponderings VII-XI p. 54

GA 94