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Überlegungen und Winke III

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Die Deutschen müßten von ihrem innersten Wesen abfallen, wenn sie nicht künftig von einem ruhelosen Hunger befallen würden nach fragend-gestalteter Tiefe des Daseins und Weite der Welt.Und wovon sollen sie denn zehren — wohinein soll die Jugend wachsen? Wird sie pflanzenhaft nur eine Blüte treiben, die ein Nachtfrost zernichtet — oder wird wahrhaft, d. h. im Kampf, ein Werk aufgerichtet, an dem Geschlechter bauen? Und wo ist der große Gegner in diesem Kampf, an dem die Kommenden wachsen und den sie so mit in sich übernehmen und eingestalten müssen. Wo soll die große antreibende Gegnerschaft sein, wenn nicht bei uns, indem wir für die Kommenden uns als Übergang opfern, der nicht einfach wegzuschieben ist?



57


Die Universität ist tot, es lebe die künftige hohe Schule der Wissenserziehung der Deutschen.

Erst werden wir in eine große Wissensnot hineintreiben, die sich nicht durch Traktätchen und Kurzschulungslager beseitigen läßt, die eher durch solches noch drängender und härter wird.



58


Unter welchen Voraussetzungen ist überhaupt eine Führung der Universität möglich? (Vgl. S. 28 f.).

1.) daß der Führerwille der Gegenwart geistig-volklich weit vorausgeworfen ist und die Bewegung des Wissenswillens aus den ankommenden Daseinskräften erregt und gespannt wird;

2.) daß dieses den Führer tragende, einfangende und bestimmende Geschehen ursprünglich aus einer Wandlung des Seins schlechthin herkommt;


Martin Heidegger (GA 94) Überlegungen II-VI (Schwarze Hefte) (1931-1938)

GA 94