388
Überlegungen V

und Wegbringen des Seienden und was dafür gilt aus der an sich | schon genug dürftigen Wahrheit des Seyns. Denn sehen wir einmal offenen Auges zu und fragen wir, wohin ist z.B. die neuzeitliche Naturwissenschaft fortgeschritten? Man möchte sagen: seit drei Jahrhunderten so weit und so rasch und sich überstürzend, daß keiner mehr diese Bewegung übersieht. Und was geschah im Grunde hinsichtlich des Wissens von der Natur? Es ist um keinen Schritt »weiter« gekommen, und es konnte dies und durfte es auch nicht, wenn jener Fortschritt ermöglicht werden sollte; denn noch ist Natur: der zeiträumliche Bewegungszusammenhang von Massepunkten — trotz Atomphysik und dergleichen.

Ja anfänglich war noch diese Natur eingehalten in eine Ordnung des Seienden — jetzt ist auch diese mit der wachsenden Ohnmacht des christlichen Glaubens geschwunden und [an] deren Stelle treten die »persönlichen« »Sentimentalitäten« der Naturforscher, die natürlich gegenüber den weit ehrlicheren und redlicheren »Materialisten« des vorigen Jahrhunderts zugeben, daß es »daneben« — »neben« ihrem Beschäftigungsbereich — noch das »Innere« »gäbe«.

Fortschritt beruht auf der wachsenden Vergessenheit des Seyns aufgrund der immer findigeren und beliebigeren berechnenden Ausnutzung der »Natur«; bald wird auch | die lebendige Natur so weit sein, daß sie in die Zange der Planung genommen und zerstört wird. Aber dieser Vorgang ist deshalb gleichgültig, weil er — soweit er auf die Zerstörung treibt — immer dasselbe bringt, weil das, was er vermag, schon in seinem Beginn ausgeschöpft wurde — die Übernahme der Natur in die Berechnung und die Versetzung des Menschen in die Haltung des Sichsicherns durch die Nutzung. Das Nur-noch-sich-sichern bei der Zunahme der Massen und die Versorgung dieser panibus et circensibus nimmt sich überdies als Kulturleistung in Anspruch, so daß der Fortschritt der Kultur nunmehr als gesichert gelten kann. Unabsehbar ist, was in diesem Rahmen sich begibt und doch ist es immer nur dieselbe Verödung einer schon längst vollzogenen Entwurzelung des Seienden aus dem Seyn.


Martin Heidegger (GA 94) Überlegungen II-VI (Schwarze Hefte) (1931-1938) page 315

GA 94