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Überlegungen XI

das Nichts gleichfalls als nichtig abgewiesen — aber zugleich als unerkannter Ab-grund ohne Wissen aufgesucht — in einem Ausweichen davor.



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Rein »metaphysisch« (d. h. seynsgeschichtlich) denkend habe ich in den Jahren 1930-1934 den Nationalsozialismus für die Möglichkeit eines Übergangs in einen anderen Anfang gehalten und ihm diese Deutung gegeben. Damit wurde diese »Bewegung« in ihren eigentlichen Kräften und inneren Notwendigkeiten sowohl als auch in der ihr eigenen Größengebung und Größenart verkannt und unterschätzt. Hier beginnt vielmehr und zwar in einer viel tieferen — d. h. umgreifenden und eingreifenden Weise als im Faschismus die Vollendung der Neuzeit —; diese hat zwar im »Romantischen« überhaupt begonnen — hinsichtlich der Vermenschung des Menschen in der selbstgewissen Vernünftigkeit, aber für die Vollendung bedarf es der Entschiedenheit des Historisch-Technischen im Sinne der Vollständigen »Mobilisierung« aller Vermögen des auf sich gestellten Menschentums. Eines Tages muß auch die Absetzung gegen die christlichen Kirchen vollzogen werden in einem christentumslosen »Protestantismus«, den der Faschismus von sich aus nicht zu vollziehen vermag.

Aus der vollen Einsicht in die frühere Täuschung über das Wesen und die geschichtliche Wesenskraft des Nationalsozialismus ergibt sich erst die Notwendigkeit seiner Bejahung und zwar [75]7 aus | denkerischen Gründen. Damit ist zugleich gesagt, daß diese »Bewegung« unabhängig bleibt von der je zeitgenössischen Gestalt und der Dauer dieser gerade sichtbaren Formen. Wie kommt es aber, daß eine solche wesentliche Bejahung weniger oder gar nicht geschätzt wird im Unterschied zur bloßen, meist vordergründlichen und alsbald ratlosen oder nur blinden Zustimmung?


7 [Hier verzählt sich Heidegger. Doch die Seitenangaben werden übernommen, damit die inneren Verweise stimmig bleiben.]

GA 95