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Anmerkungen I

schuldigen dürfte. Ahnt »man«, daß jetzt schon das deutsche Volk und Land ein einziges Kz ist -wie es »die Welt« allerdings noch nie »gesehen« hat und das »die Welt« auch nicht sehen will -dieses Nicht-wollen noch wollender als unsere Willenlosigkeit gegen die Verwilderung des Nationalsozialismus. 1 Was könnte die Folge sein; daß auf der einen Seite die einen zurück-fallen auf die Zeit vor 1932 und die anderen auf den Nationalsozialismus erneut sich verstehen, in der Meinung, daß er »doch recht« gehabt habe.


152 Daß ins Ganze der Weltgeschichte gesehen, alles beim Bisherigen bleibt überall und d. h. daß die »Welt« weiter seynsvergessen ins Nichts rollt und die Menschheit hinter ihrer eigenen Verblendung herrennt-nur jetzt in dem Anschein, als begänne eine neue Weltordnung?



Überall zerrt es aus dem Öffentlichen ins Öffentliche mit vielen Stricken, und jeder sieht, das kaum versuchte Denken des Seyns am Leitband seines Strickes und jeder macht sich seinen Nutzen und bestreitet dem anderen den seinen -und -das Denken selbst -erscheint vielspältig, bald so, bald so, weil sie nichts wissen von seinem einfachen Wesen und Geschick, das ein Reichtum ist und gefügte Fügung und anderes denn nur ein Gegenstand mit »Seiten«, der enttäuscht, wenn er plötzlich andere zeigt, als die gemeinten.

Und gar -das Seyn? Wie kann es jetzt schon gedacht werden, wo überall noch und stärker denn je Historismen des Humanismus und die »Existenzphilosophie« und übereilte Nutzung für die Theologie -unbedacht sich auf das Ihre stürzen und keiner zu spät kommen will, in dem Betrieb, rasch alles heutig zu machen. Sonst glaubt man, je radikaler ein Denken sei, umso allgemeiner werde es und von der Wurzel her zudem angehend und als angänglich auch zugänglicher und sogleich umgänglicher. Aber

153 dies ist ein Irrtum. Je anfänglicher das Denken, 1 je einziger es nur dem Einen und Selben zu-denkt, je befremdlicher wird es,


Martin Heidegger (GA 97) Anmerkungen I-V (Schwarze Hefte) (1942-48)

GA 97