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Anmerkungen II

Eigentlich denken heißt, — von der Philosophie her gesprochen die Philosophie verlassen; in ihrem Gesichtskreis sich nicht mehr bewegen beim Sagen des »Seins«. Inwiefern das Seyn Solches zuläßt oder gar zuspricht!


Die beste Methode, der in Wahrheit längst zerbrochenen »Reaktion« und »Restauration«, d. h. aller Verhemmung wahrhaften Da-seins zu einem Scheinleben zu verhelfen, ist die blöde und törichte Sucht, hinter jedem, der die Wirklichkeit als »Willen zur Macht« denkt oder gar noch diesen Gedanken und Bezug zum Sein radikaler erfährt und denkt, einen »Nazi« zu suchen. Wäre die Versimpelung der Deutschen nicht schon vor 1933 ins Unmaß gestiegen gewesen, dann hätte »man« erkennen müssen, daß der sogenannte National-sozialismus, ohne daß dieser und seine parteimäßigen Verfechter es wußten, von einer ganz anderen Wirklichkeit gestoßen war und daß niemand frei und wissend — denkend genug war, um ins Freie und in die Dimension derjenigen Entscheidungen zu [29] führen, die seit langem da sind und jetzt trotz | »Antifaschismus« dennoch ins Äußerste treiben. Aber auch jetzt handelt es sich nicht darum, ob Hitler oder Mussolini oder sonstwer »Recht« behält oder nicht, sondern, daß erfahren wird, was ist, und daß das künftige Geschlecht nicht nur die »Chance« der Armut bekommt, sondern die Chance, zu erfahren, was ist und zu seyn im: Seyn. Man kann auch heute noch solche, die solches denken, nach bewährtem Muster einsperren und ausschalten als gefährlich und als Verderber der Jugend, man kann aus den ohnedies verkommenen Universitäten eine von Selbstgerechtigkeit triefende moralische Anstalt machen, aber man kann nie beseitigen, was ist und nicht aufhalten, was kommt. —

Es gehört zum besonderen Glück der flachen Köpfe, daß sie das Unheil, das sie wegfegt, nicht als solches zu denken vermögen, daß sie vielmehr bei ihrem Rechnen nach schuldig und nicht schuldig immer abgeleiteten Erscheinungen die Schuld geben und sich am Schauspiel des öffentlichen Meinungsbetriebs beteiligen.

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