130
Anmerkungen II

Die moderne Form der Geistes-wissenschaften und der »philosophischen Arbeit« — man leiht sich irgend woher eine neue Formel und bearbeitet damit die »Tatsachen«; es kommt immer etwas heraus und diese Ergebnisse gelten als Erfolge und Erfolge beweisen die »Wissenschaft« —; dieses ganze Treiben ist ein einziger Betrieb der Gedankenlosigkeit, dem auch junge Menschen anheimfallen, die keine Gelegenheit mehr haben, zu lernen, einen Weg zu gehen, d. h. überhaupt zu denken. Diese allgemeine Versimpelung ist der beste Nährboden für alle Herrschaft des Aberglaubens und der Eitelkeiten derer, die Entdeckungen machen — auf dem Gebiet des »Geistes«.


Sowenig je aus dem Kunstgewerbe und Handwerk je »die Kunst« entspringt, sowenig entsteht je aus der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der »Philosophie« »das Denken«.


Kommunismus. — Der »Nationalsozialismus« und »Faschismus« [32] wären, wenn es geglückt | wäre, ein Weg gewesen, »Europa« und seine »Bildung« und seinen »Geist« für den »Kommunismus« reif und bereit zu machen. Aber — das war zu früh; denn alles wurde nur »politisch« gesehen; nicht einmal metaphysisch, geschweige denn seynsgeschichtlich. Die Übereilung meines Denkens 1933 — und die Ahnungslosigkeit der Geistigen, die nur vor dem Vordergründigen, was einen schlechten Geruch verbreitete, ihre Nasen rümpften und diese ihre vermeintlich vornehme, aber sehr pöbelhafte Nase für das Kriterium der Erkenntnis und des Nachdenkens hielten. Das Versagen der Gebildeten — aber das Parteimäßige auf allen Seiten trieb alles in die Verirrung. Es wäre so wohl auch alles zu leicht gegangen; denn das Geschick, das kommt, ist tiefer noch zu denken als »der Nihilismus« und dessen »Überwindung«.


Die »Quadratur des Kreises« löst sich als die Vierung des Rings des entringten Risses der Freyheit des Ereignisses der Enteignung zum Unterschied in den Hehl der Huld.


Martin Heidegger (GA 97) Anmerkungen I-V (Schwarze Hefte) (1942-48)

GA 97