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Anmerkungen II

hundert Jahren wird »Es« so weit sein, daß ein Stoß des Bebens im Seyn selbst die Erde erzittern läßt.

Was ist denn die »Erde«? Was sind heute »dreihundert Jahre«? Jene Bemerkung bleibt nur ein Stammeln, das sagen möchte, inwiefern die Heutigen nicht dazu gehören und dennoch einzig sie endlich auf das Geschick des Seyns, nicht auf Kulturströmungen und Weltanschauungen achten müssen, um dem Geschick schicklich zu sein -nicht um die Welt »besser« zu machen, wohl dagegen, um das Seyn wahrer seyn zu lassen.


Angenommen (eine Rechnung, die schon ungeschichtlich »denkt«) Hitler und seine Helfershelfer seien nicht auf -und »an« die Macht [63] und durch diese ver-kommen, | wäre dadurch die Wirklichkeit von Amerika und Rußland, wie sie ist, im Geringsten, (wesentlich gedacht) geändert worden? Im Gegenteil: der Andrang dieses Wirklichen wäre nur verschleiert und vielleicht noch schrecklicher geblieben. Dadurch ist Hitler nicht geschicklich »gerechtfertigt«, was wiederum ein fragwürdiges Vorhaben ist. Überdies stehen Amerika und Rußland ihrerseits in einem Weltgeschick, das sie nicht machen, sondern nur vollziehen. Trotzdem könnte ja doch, innerhalb des jetzigen Geschichtsganges, noch für »Europa« (was heißt das? da Amerika und Rußland in gleicher Weise, wie Japan, »europäisch« sind) die Frage auftauchen, ob es nicht weitblickender war, weltgeschichtlich in die totale Organisation des Daseins ein- und durch sie hindurchzugehen und sie »herrschend«, d. h. sich behauptend, auszustehen, als nur verspätet ein planetarisches Naserümpfen über »Faschismus« zu inszenieren und den geschichtlichen Augenblick zu verpassen. Dies alles sind keine »politischen« und schon gar keine »Partei«-Fragen mehr, auch keine geschichtsphilosophischen, wohl aber kommen sie aus der Frage des Geschickes des Seyns selber. Daß »Europa« selbst hinter seinem eigenen »Produkt« zurückbleibt, und zwar notwendig, und so dessen Wesen nicht gewachsen sein kann, was bedeutet das? Nur das Zugrundegehen am eigenen Willen oder die Unumgänglichkeit der Erfahrung einer äußersten Grenze des Anfangs?


Martin Heidegger (GA 97) Anmerkungen I-V (Schwarze Hefte) (1942-48)

GA 97