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Anmerkungen II

Geschwätz mit Hilfe ihrer Vorstellungen zu veranstalten, auf jenes Denken sich erst einmal einlassen. Sie hat zwanzig Jahre Zeit gehabt und nichts getan. Sie kann sich darauf nur einlassen, indem sie dieses Denken und d. h. das in ihm Zu-Denkende über windet. Das bedeutet nicht, fortzuschreiten, sondern in seinen Grund zurückzugehen.

Was ist in »Sein und Zeit« ge- | dacht? »Sein und Zeit« denkt l01 die Wahrheit des Seins, indem zuvor diese Wahrheit im Wesen zu denken versucht wird als Da-sein. Dieser Name nennt weder das menschliche »Subjekt« und den Menschen als »Subjektivität«, noch nennt er überhaupt den Menschen als ontisch gesondertes Seiendes. Der Name denkt das Wesende, worin das Menschsein beruht und dieses Wesende, dieses »-Sein« als Da-sein »ist« in sich das Wesende des Seins als solchen, d. h. die Wahrheit des Seins. Dieses Wesende, das Da-sein, »macht« nicht und »setzt« nicht »subjektivistisch«, und darum auch nicht »objektiv«, das Sein, sondern entwirft, d. h. es lichtet und hält die Lichtung des Seins aus, was es, das Dasein, nur vermag, insofern es als Lichtung (»Da«) des Seins west und so »das Da« »ist«, d. h. Da-sein. Darin liegt, das Da-sein macht sich nicht selbst, es wird auch nicht von anderer Mache gemacht, sondern aus dem Wesen des Seins selbst ist zu denken, wie es zu diesem gehört. »Sein und Zeit« nennt dieses, nämlich die Geworfenheit. Das Da-sein west im Wurf eines Werfenden, d. h. eines solchen, das werfend freigibt und losläßt und doch gerade im Wurfschwung einbehält. Und eben dieses werfende Wesen ist die Wahrheit des Seins. Dieses selber in sich.

Statt dessen hat man sich, weil man zum 1 voraus das Denken 102 in »Sein und Zeit« überhaupt nicht bedachte, auf diese Abhandlung als eine »Anthropologie« gestürzt; und demzufolge hat man sich die »Geworfenheit« gedeutet als einen versteckten und verschämten Titel für das, was das Christentum und die biblische Religion als Geschaffensein nach dem Schöpfungsbericht glauben. »Geworfenheit« ist die »verkappt theologische« Benennung für Geschaffenheit durch Gott; deshalb säkularisiert und darum atheistisch; diese klassische Argumentation bewegt sich nicht nur


Martin Heidegger (GA 97) Anmerkungen I-V (Schwarze Hefte) (1942-48)

GA 97